"Mexiko ganz kleine Fußballland", spottet Ahmed, heute im Trikot der Schweiz. "Hätte auch fünf null gewinnen können. Warum bringt Löw nicht Goretzka? Warum Sané zu Hause?" Seit vierzehn Jahren sind Ahmed und ich zwei Bundestrainer im Geiste. Ahmed al-Löw macht Döner, Jogi Kapitelman isst und kaut dabei sämtliche Fehler des Dilettanten-Weltmeisters Löw durch. Heute aber schweige ich, ich befinde mich ja weiterhin im WM-Boykott. Das ist mein Protest gegen das kriegstreibende Putin-Regime. Sonst ist niemand im Lokal, was unser Schweigen nur betont. Bis Ahmed die Stille nicht mehr aushält, hinter der Theke hervorkommt und sich vor mir aufbaut: "Dima, es gibt in Politik keine Menschlichkeit. Nur Interessen. Putin nimmt in Syria, was zu haben ist. Und wenn nicht Assad an Macht bleibt, kommt Islamischer Staat."

"Ein Diktator, der Giftgasbomben auf die eigene Bevölkerung wirft, ist also immerhin besser als der Islamische Staat?"

"Ich bin gegen al-Assad, er ist ein Mörder. Aber Gasbomben, das waren die Terroristen von Al-Kaida und IS. Und die gibt es wegen Amerika. Kannst du bei uns nicht einfach Diktator raus- und Demokratie reinmachen. In Irak ist deshalb seit fünfzehn Jahren Chaos." Ahmeds Ansprache hat mit dem Überschwang des Überlegenen begonnen. Seine großen runden Augen strahlten unter den buschigen Brauen so souverän auf, als könnte er die ganze Welt coachen. Aber als er beim zerstörten Irak ankommt, sackt er auf einem Stuhl zusammen, nestelt an einem Zuckerpäckchen. So fahl wäre sein Gesicht nicht, hätten wir wie immer über Fußi gesprochen. "Zahlst du für Politik, darfst du alles machen." Ahmed weiß, dass er niemals genug Döner verkaufen kann, um eine Politik zu bestellen, die seine Heimat heilen könnte. Da liegt es näher, als Hobbytrainer Ahmed al-Löw elf aufrechte Spieler aufzustellen und zum Weltmeistertitel zu bringen.

Am Nachmittag dann: Delitzscher Sportfüchse gegen den JC Leipzig. "Nicht überraschen lassen, Janick!" "Hüfte raus, Lorenzo!" Immerhin, die Trainer beim U15-Judo gockeln genauso aufgeregt wie ihre Fußballkollegen. Und die Tränen, die Janick (Gewichtsklasse bis 40 kg) vergießt, als er wegen eines ausgerenkten Fingers aufgeben muss, sind mindestens so bitter wie die von Mo Salah bei seiner Auswechslung im Championsleague-Finale gegen Real Madrid.

Ich habe mir für den fiesen Verzichtsamstag, an dem Deutschland gegen Schweden spielt, eine alternative Sportveranstaltung gesucht. Was gar nicht so einfach war. Neben zig Public-Viewing-Angeboten habe ich nur das Stadionkonzert von Helene Fischer gefunden und die Jugendsportspiele der Sparkasse. Zwischen den Ringkämpfen wird ein Mittfünfziger dafür geehrt, dass er schon seit 25 Jahren die Jugendspiele mitorganisiert.

Ich spreche den Mann an, erzähle, was mich hergebracht hat. Er heißt Reiner Hartmann und kommentiert ohne großes Zögern: "Politik und Sport, das lässt sich nicht trennen. Sportler sind ein politisches Aushängeschild ihrer Gesellschaft. Und Sport, besonders die Weltmeisterschaften, zwingt manche Gesellschaften, sich zusammenzureißen." – "Wie meinen Sie das?" "Ich bin Polizeibeamter. Beim Public Viewing 2006 hatten wir in Leipzig nur ein paar Festnahmen. Ansonsten alles friedlich, ein Fußballfest der Völkerverständigung. 14 Tage später, beim nächsten regionalen Fußballspiel, ging es wieder los mit der Gewalt gegen die Polizei."

Während wir uns beim Punktrichtertisch unterhalten, finden die Finalkämpfe statt. Und ich muss einsehen: Kindern dabei zuzusehen, wie sie sich in Bademänteln herumzerren, wirkt nicht wie Fußi-Methadon. Kaum ist das Turnier vorbei, stürmen selbst sie mit Fußbällen auf die Matten.

Die vergangene Verzichtswoche war nicht richtig schwer, aber auch nicht schön. Pascal, mein bester Fußi-Freund, meldet sich nicht mehr bei mir, weil er meinen Boykott persönlich nimmt. Dabei hatte er immer das größere politische Bewusstsein. Als ich noch ein Politproll war, der nur bis zum nächsten persönlichen Bedürfnis denken konnte, genderte er schon, engagierte sich im Studentenrat oder blockupierte die Hochfinanzviertel Frankfurts, aber jetzt hängt er vor der Glotze. Nicht viel besser David, der meine Entscheidung zu Beginn begrüßte, ja sogar mitmachen wollte. Und mich nun zwischen 16 und 22 Uhr meidet. Und ich?

Statt mich gut zu fühlen, empfinde ich zuweilen Schuld. Schuld gegenüber meinen Freunden. Schuld gegenüber mir selbst, mir so viel Vergnügen zu versagen. Besonders bei den Deutschlandspielen. Am meisten fehlt mir die gemeinschaftliche Euphorie nach einer grandiosen Begegnung. Die schwerelose Begeisterung, das Gefühl, als wären wir, die es gemeinsam miterlebt haben, irgendwie Teil dieses Fußi-Wunders gewesen. Und durch den Hinterkopf streift die Angst: Selbst wenn du prinzipiell recht hast, was ändert dein kleines Boykottchen? Aber es gibt kein Zurück-zur-Fanmeile mehr.

Samstagabend bin ich bei Khalil, der die WM auch nicht schaut. Was ihm ein Leichtes ist, denn er interessierte sich noch nie für Fußi. Dafür kennt Khalil aber eine Menge Witze zum Turnierverlauf. "Ägypten, Tunesien, Saudi-Arabien, alle raus. Fifa bedeutet: "Football is not for Arabs", grölt er.

Khalil arbeitet in der Flüchtlingshilfe, und ich habe ihn gebeten, ein paar Syrer zu sich einzuladen. Ich hatte die Hoffnung, dass zumindest Menschen, die direkte Opfer von Assad und Putin sind, auf meiner Seite stehen. Es kommen genau zwei. Ob das damit zusammenhängt, dass Deutschland zeitgleich spielt? Mein Gott, wenn die Mannschaft gegen Schweden verkackt, dann war es das.

Majd, 28, lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Vollbart, Brille, auffallend aufrecht, ein arabischer Tschechow. Mostafa, 20, aus Aleppo, sehr H&M-säuberlich, ist ebenfalls seit zwei Jahren hier. Er hält einen Umschlag in den Händen, sein Arbeitsvertrag als Verkäufer bei einer Bäckerei. In Syrien wollte er Nationalspieler werden. "Zu Hause spielte ich bei Ittihad, dem besten syrischen Club." Natürlich schaut er Fußball. "Fußball ist mein Leben. Ich kann nicht anders."

Majd, der arabische Tschechow, "boykottiert alles, was mit dem Assad-Regime zu tun hat." Ob Löw endlich Reus in die Startelf geholt hat?

Mostafa: "Weißt du, der Sport ist einer der ganz wenigen Lichtblicke für die Menschen in Syrien. Das Einzige, was das Regime und seine Gegner für 90 Minuten zusammenbringen kann."

Ich: "Und wenn die 90 Minuten vorbei sind?"

Majd: "Es ist ganz einfach. Während Kinder in Syrien sterben, wird beim Mörder Fußball gespielt. Ich sehe mich beleidigt, ich sehe sämtliche menschlichen Werte beleidigt. Man fühlt Schande."

Majd bestätigt meine Überzeugung, er teilt das widerwärtige Gefühl, das mich zum Boykott dieser WM veranlasst hat. So wenig Spaß dieser auch macht. Schreie von der Straße. Ich halte es einfach nicht mehr aus, Handy her, Twitter auf. Kroos! Was für ein Schicksalsschuss! Was mache ich nur?

Nächster Tweet, Eilmeldung: Russische Kampfjets bombardieren syrische Stadt. Nein. Was machen die anderen nur?