Zunächst aber machten die Revolutionäre der tief gefallenen Familie klar, dass es ihr nicht besser gehen könne als der unter dem Bürgerkrieg leidenden Bevölkerung. Aus einem Kloster brachten Mönche täglich Eier, Butter und Milch. Der Befehlshabende strich Butter und Eier von der Liste, das Schwarzbrot blieb: "sowjetisches Frühstück". Als Alexandra einmal zu lang aus dem Fenster schaute, übertünchte ein Maler die Scheiben. Spazierengehen hinter dem Bretterzaun war nur für kurze Zeit am Tag gestattet. Weil der Zar und seine Familie gern badeten, stellte man ihnen das Wasser ab. Der Ural-Sowjet hatte überdies angeordnet, dass die Fenster geschlossen bleiben. "Es war unerträglich heiß und stickig, im ganzen Haus roch es nach Küche", klagte Alexandra. Nikolaus beschwerte sich. Zwei Wochen später kamen Soldaten und öffneten kurzzeitig ein Fenster, an das sich die ganze Familie drängte, um Luft zu schnappen.

Alexandra kümmerte sich die meiste Zeit um ihren Sohn, den einstigen Thronfolger Alexei. Der 14-Jährige war Bluter, musste vor jeder scharfen Kante geschützt und am besten getragen werden. Aber nicht von Alexandra, die im Rollstuhl saß und ein schweres Ischias-Leiden hatte, dazu Migräneanfälle. Nikolaus litt an Hämorrhoiden, der Leibarzt war stets in der Nähe und legte Kompressen an. Unablässig trug seine Gattin Zimmer- und Körpertemperaturen in ihr Tagebuch ein. Diese Familie war wirklich keine Gefahr mehr für niemanden. 300 Jahre Romanow-Dynastie kamen an ihr Ende. Vom Gründervater Michail Romanow 1613 über den brachialen Modernisierer Peter I., die Eroberer-Zarin Katharina II., den Napoleon-Bezwinger Alexander I. bis zum Reformer Alexander II.: Die prunkvolle Geschichte des russischen Zarengeschlechts verglühte hier in sauerstoffarmer Luft zwischen Sowjetschwarzbrot und Wadenwickeln.

Und doch waren die Bolschewiki unruhig. Was, wenn sie den Krieg verlören? Wenn die Konterrevolution den Zaren befreite? Anfang Juli 1918 rückten von Westen die Deutschen vor – obwohl man in Brest-Litowsk Frieden mit ihnen geschlossen hatte. Von Norden her griffen amerikanische, britische und französische Soldaten aufseiten der antibolschewistischen "weißen" Truppen in die Kämpfe ein. In der Ukraine und in Sibirien stießen die weißen Generale vor. Eine tschechische Freiwilligenarmee schloss sich ihnen an und marschierte gen Jekaterinburg. Für die ursprüngliche Idee, Nikolaus II. den Prozess zu machen, blieb da wenig Zeit. Eine Entscheidung musste her: Verlegung oder Vernichtung der Zarenfamilie. Der Ural-Sowjet war längst für die Hinrichtung – Lenin schwenkte auf diese Linie ein und bewilligte den Mord. Er wollte "den Weißen kein lebendes Symbol hinterlassen, um das sie sich sammeln könnten", schrieb Lenins Mitstreiter Leo Trotzki.

Der letzte Tag der Zarenfamilie, der 16. Juli 1918, war sonnig und kühl. Die Bolschewiki hatten einen neuen Aufseher geschickt, Jakow Jurowski, einen schwarzbärtigen, kohlenäugigen Geheimpolizisten der gefürchteten Tscheka. Er brachte Eier und Milch für Alexei, der sich erkältet hatte. Die Familie ging für eine halbe Stunde zwischen Hausmauer und Zaun spazieren. Sie lasen einander aus der Bibel vor. Um acht Uhr aßen sie zu Abend, beteten. Dann gingen die Mädchen und Alexei zu Bett. Alexandra und Nikolaus spielten noch etwas Karten. "15 Grad", lautet der letzte Eintrag in Alexandras Tagebuch.

Bald nach Mitternacht weckte Jakow Jurowski den Leibarzt. "Es kann zu Schießereien kommen. Wegen der unruhige Lage in der Stadt müssen wir die Familie in den Keller verlegen." Eine gute halbe Stunde später stiegen die Romanows die abgetretene Holztreppe hinab. Nikolaus trug Alexei. Er bat um einen Stuhl für den Sohn und seine Frau. Die Töchter drückten der Mutter ein Kissen in den Rücken. Die jüngste, Anastasia, hielt ihr Schoßhündchen auf dem Arm. "Keine Tränen, kein Schluchzen, keine Fragen", stellte Jurowski fest. Er bat sie aufzustehen für ein Foto.

Elf Männer betraten den 16 Quadratmeter großen Raum. Statt Kameras trugen sie Revolver und Gewehre. Jurowski zog ein Papier heraus: "Das Exekutivkomitee des Ural-Sowjets hat beschlossen, Sie zu erschießen." Nikolaus fragte noch "Was?", schon hatte er eine Kugel im Herz – aus Jurowskis Revolver. Dann feuerten alle. Alexandra brach auf dem Stuhl zusammen, der Leibarzt, die Zofe, der Koch schlugen auf den gelb getünchten Boden. Alexei lag stöhnend auf dem Stein. Jurowski schoss ihm zweimal ins Ohr. Den Hund erledigten sie nebenbei mit dem Kolben. Doch die Mädchen schrien weiter. Die Kugeln prallten von ihren Kleidern ab. Darunter waren die Reste des Familienschmucks eingenäht, mit Brillanten, härter als Stahl. Jurowskis Männer mussten vor den Querschlägern in Deckung gehen. Dann kam die Handarbeit. Mit Bajonetten stachen sie so lange auf die Kinder ein, bis keines sich mehr bewegte. Jurowski fühlte allen den Puls und nickte. "Die ganze Prozedur dauerte zwanzig Minuten", notierte er.

Was nun begann, sollte Russland entzweien: die Bestattung oder vielmehr Entsorgung der Mordopfer. Jurowski, für den die "Prozedur" vor allem ein logistisches Problem war, hatte einen Lastwagen geordert. Das Ziel hatte er am Tag zuvor ausgekundschaftet: den einstigen Kohlenschacht Ganins Grube.

Die Henker verluden die Leichen und fuhren "gegen drei, halb vier Uhr morgens los", heißt es in Jurowskis Aufzeichnungen. 17 Kilometer weit quälten sie sich in den Wald hinein. Irgendwann standen die Bäume zu eng, sie luden die Leichen auf Karren und zerrten sie bis zu Ganins Grube. Jurowski ließ ihnen die Kleider abnehmen. Da entdeckten sie den Schmuck. Die Männer wollten zugreifen, aber Jurowski schickte alle fort, auf die er sich nicht blind verlassen konnte. Acht Kilo Diamanten kamen zusammen, dazu Perlenketten und Gold. Jurowski ließ alles in Säcke stopfen, die er dem Ural-Sowjet übergab. Dann verbrannten seine Leute die Kleidung, warfen die Leichen in den Schacht und schleuderten Handgranaten hinterher, um ihn zum Einsturz zu bringen. Jenen Schacht, in den heute Pater Dmitri schaut, wenn er im Kloster umhergeht. Bis hierhin reicht auch Dmitris Erzählung.