Jurowski aber ließ die Sache keine Ruhe. Zu viele Zeugen wussten von dem Geheimnis in Ganins Grube. Die weißen Truppen kamen näher, auch der Knochen sollten sie nicht habhaft werden. So brach Jurowski in der nächsten Nacht erneut mit seinen Männern auf. Sie bargen die Toten mit Seilen aus dem Schacht, fuhren tiefer ins Dickicht, ins Sumpfgebiet. Bald blieben sie stecken, zogen zwei Leichen vom Lkw. "Einen Teil verbrannten wir, einen Teil begruben wir", schreibt Jurowski. Die anderen Leichen schleppten sie tiefer in den Wald. Dort hoben sie eine Grube aus und warfen sie hinein. "Wir übergossen sie mit Schwefelsäure, damit man sie nicht mehr erkannte und kein Geruch entstand." Äste, Kalk und Erde kamen darüber, am Ende fuhr der Lastwagen die Stelle platt. Heute steht hier das schlichte Holzkreuz, vor dessen Besuch Pater Dmitri gewarnt hat. Das ist nicht seine Geschichte.

Die russisch-orthodoxe Kirche folgt bis heute streng der Version eines Ermittlers der weißen Truppen, Nikolai Sokolow. Genau eine Woche nach Jurowskis hektischer Verscharrung marschierten die Weißen in Jekaterinburg ein. Der Ermittler fand im Ipatjew-Haus Zahnbürsten, Haarnadeln, Bücher der Familie, im Keller die Einschläge der Kugeln. Später verfolgte Sokolow die Radspuren in den Wald und stieß auf Ganins Grube. Dort förderte er Gürtelschnallen von Nikolaus und Alexei zutage, einen abgetrennten Finger und den Kadaver des Hundes. Sokolow kam mit seinen dürren Erkenntnissen zu dem Schluss, dass die Leichen verbrannt worden seien und nichts übrig geblieben sei. Dieser Version hat sich die Kirche verschrieben, auch Pater Dmitri. Wider alle Erkenntnisse der vergangenen 25 Jahre.

Die Erben Lenins und ihr Staat mussten untergehen, bevor der Fall neu aufgerollt werden konnte. In den letzten Monaten der Sowjetunion 1991 hob man die verschwiegenen Grabstätten im Ural aus. Pathologen, Archäologen, Molekularbiologen beugten sich über die Knochen. Verwandte Monarchen wie Prinz Philip von England spendeten Blut für eine Vergleichsprobe. Getrennte Untersuchungen kamen zu dem einhelligen Ergebnis: Die Knochen aus dem Grab mit dem Holzkreuz sind tatsächlich die Überreste der Zarenfamilie. Nur die Gebeine der Kinder Alexei und Maria fehlten.

Russlands Präsident Boris Jelzin folgte dem Votum der Wissenschaft. Er ließ die unvollständige Zarenfamilie 1998 – zum 80. Todestag – in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg bestatten. Es sollte ein Tag allrussischer Trauer und Versöhnung sein. Aber daraus wurde nichts. Die Zeremonie fand ohne kirchlichen Segen statt. Das Holzkreuz in Jekaterinburg brannte mehrmals ab, ein Attentäter versuchte sich 1998 nahe der Begräbniskirche in die Luft zu sprengen. Eine Front aus orthodoxer Kirche, Monarchisten, Faschisten und Kommunisten lehnt die Beerdigung der Zarengebeine – aus unterschiedlichsten Gründen – leidenschaftlich ab.

Die orthodoxe Kirche pflegt ihre Bedenken bis heute und spinnt ihre eigenen Theorien: Vor der neuen Kapelle unter der Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg hängen Fotos vom Hinrichtungskeller. "Ritualmord" steht darüber. Gemeint ist, dass der Zar einer jüdischen Verschwörung zum Opfer gefallen sei. Kabbalistische Zeichen seien in die Wände geritzt gewesen. "Wir nehmen die Version des Ritualmords sehr ernst", sagt der Moskauer Bischof Tichon, enger Vertrauter des Patriarchen und angeblicher Beichtvater von Putin.

In Putins Amtszeit fällt die letzte große Ausgrabung. Im Sommer 2007 finden Ermittler die Gebeine von Alexei und Maria – dort, wo Jurowski 1918 in aller Eile zwei Leichen verbrennen und verscharren ließ. DNA-Proben bestätigen die Echtheit der Knochenreste. Die Moskauer Staatsanwaltschaft legt den Fall zu den Akten. Aber nicht die Kirche. Auf Betreiben des Moskauer Patriarchen werden die Zarengräber in Petersburg geöffnet und neue Proben entnommen. Putin lässt es geschehen. Die Gebeine von Alexei und Maria gehen ins Labor. Die Zweifel bleiben. Es ist, als wollte das 20. Jahrhundert in Russland nicht zu Ende gehen.

Auch im Westen heizte das Rätsel um den Verbleib der Leichen jahrzehntelang wilde Spekulationen an. Lebte die Familie womöglich noch? Manche nutzten das aus und machten Schlagzeilen als falsche Zarentöchter, und ein polnischer CIA-Agent gab sich als Alexei aus.

Am 17. Juli nun gedenken die Russen der Zarenfamilie in St. Petersburg, an Ganins Grube, am Holzkreuz im Sumpf. Dreimal sind die Romanows bestattet worden – Ruhe haben sie keine gefunden. Vor allem nicht Alexei und Maria, deren Überreste, in Pappkartons verpackt, im Moskauer Staatsarchiv liegen. Ganz in der Nähe von Lenin übrigens, ihrem Mörder. Auch der ist ja noch nicht unter der Erde.

Korrekturhinweis: Nikolaus II war kein Neffe von Wilhelm II, wie es ursprünglich in diesem Text hieß. Er war ein angeheirateter Cousin. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion