Extrablatt! Historisches Foto eines Zeitungsjungen aus den USA (ca. 1935) © Hirz/Getty Images

Die Analyse des Umbruchs auf dem Papiermarkt beginnt an einem Zaun. Ein herkömmlicher Maschendrahtzaun, der in Schwedt an der Oder stand und vor einiger Zeit eingerissen wurde. Der Zaun trennte das Betriebsgelände der UPM Paper ENA, Anschrift: Kuhheide 1, von dem der Leipa Group, Kuhheide 34. UPM stellte in Schwedt jährlich 280.000 Tonnen Zeitungsdruckpapier her. 2016 übernahm Leipa das UPM-Werk in Schwedt samt Mitarbeitern und Papiermaschine, rüstete Letztere jedoch um: Aus der Papiermaschine Typ PM11 wurde die PM5. Aus ihr kommt seit Kurzem kein Zeitungsdruckpapier mehr, sondern Wellpappe.

Von Zeitungsdruckpapier bis Wellpappenrohpapier, die Produkte der Papierindustrie sind vielfältig. Unterschieden werden vier Bereiche: grafische Papiere, zu denen Briefumschläge und Zeitungen zählen; Verpackungspapiere wie Kistenpappen oder Wellpappen, Hygienepapiere wie Küchenrollen sowie Papier und Pappe für spezielle Verwendungsbereiche, etwa für Banknoten oder Kaffeefilter. In allen Bereichen hat sich die Produktion seit Mitte der 1990er Jahre nahezu verdoppelt – nur für die grafischen Papiere gilt das nicht. Deswegen wurde aus PM11 die PM5. "Wir glauben, dass die Talsohle langsam erreicht ist", sagt Gregor Andreas Geiger vom Verband Deutscher Papierfabriken (VDP).

Dass sich der Markt derart verändert, liegt an dem sich wandelnden Konsumverhalten: Zeitungen werden mehr und mehr als E-Paper gelesen, über Apps, online – es wird also weniger grafisches Papier benötigt. Auf der anderen Seite wird mehr online bestellt, müssen mehr Waren transportiert und frachtgerecht verpackt werden – es wird also mehr Verpackungspapier benötigt. Peter Probst, Geschäftsführer der Leipa Group, formuliert es so: "Aktuell bietet der Markt der Verpackungspapiere wohl die größten Wachstumsoptionen. Und der Wellpappe kommt hier eine ganz wichtige Bedeutung zu."

Zu dem sich wandelnden Konsumverhalten kommt ein zweiter Punkt: die New-Economy-Blase. Um das Jahr 2000 herum wussten die Verlage nicht mehr, wohin mit all den Anzeigen, der Bereich grafisches Papier boomte – und viele Papierhersteller bauten neue Anlagen. Anlagen wie die Zeitungsdruckpapiermaschine in Schwedt. Zeitungsdruckpapier war günstig wie nie, Hersteller luden die Einkäufer zu großen Essen und Kurztrips ein. Es waren fette Jahre.

Doch die Blase platzte, das Internet gewann weiter an Reichweite, gedruckte Anzeigen wurden weniger, die Verlage brauchten also weniger Papier. Langsam begannen die Papierhersteller, die Produktion zurückzufahren oder ganz einzustellen. "Im grafischen Bereich sind zahlreiche Maschinen beziehungsweise Kapazitäten vom Markt genommen worden", sagt Leipa-Geschäftsführer Peter Probst. "Die ehemalige PM11, nun PM5, ist ja ein gutes Beispiel. Man kann sagen: Es findet eine gewisse Marktbereinigung statt." In den vergangenen Jahren wurden europaweit mehr als zwei Millionen Tonnen Zeitungsdruckpapier-Kapazität aus dem Markt genommen. Gegenwärtig gibt es in Deutschland nur noch fünf Unternehmen, die Zeitungsdruckpapier herstellen. "Ich denke, dass wir noch einige Konsolidierungen sehen werden", sagt Probst.

Geiger vom VDP sagt: "Wenn Sie eine Maschine aus diesem Markt rausnehmen, merkt man das." Man, das sind in diesem Fall die Medienhäuser. Eines davon liegt 400 Kilometer von Schwedt entfernt in Hamburg, der Zeitverlag, Speersort 1, fünfter Stock. Dort sitzt die Herstellung, sitzen diejenigen, die das Papier einkaufen, auf dem Texte wie dieser hier gedruckt werden. Bis die Maschine in Schwedt umgerüstet wurde, bezog auch die ZEIT ihr Papier teilweise von UPM. Das ist nun vorbei.

Medienhäuser wie der Zeitverlag schließen meist Jahreskontrakte mit Papierherstellern ab, bereits im laufenden Jahr stieg der Preis pro Tonne, im nächsten Jahr, so die Schätzungen, wird sich der Einkaufspreis noch einmal erhöhen. Die Aufschläge reichten aktuell in der Regel von mindestens 25 Euro bis zu 50 Euro pro Tonne, schreibt das Holzbranchenmagazin Euwid in seiner Mai-Ausgabe.

Dass die Preise weiter anziehen werden – von 100 Euro pro Tonne mehr ist die Rede –, liegt auch an den aktuellen Veränderungen auf dem Weltmarkt: Nord- und Südamerika sowie Südostasien wollen mehr Papier, russische Produzenten haben sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr aus dem Geschäft in West- und Mitteleuropa zurückgezogen.

Leipa-Geschäftsführer Peter Probst sagt, dass sein Unternehmen den Spruch "survival of the fittest" sehr nah am ursprünglichen Sinn interpretiere: "Der Anpassungsfähigste bleibt erfolgreich bestehen."