Der sinnstiftende Intellektuelle war einmal. Aber wer tritt nun an seine Stelle – und hat Antworten auf die großen Fragen der Zukunft?

Kürzlich, im Gespräch mit einer Gruppe junger Wissenschaftler. Wer denn eine akademische Karriere an der Universität anstrebe? Schweigen, Zögern. Eine Austauschstudentin meldet sich schließlich und sagt: Wenn sie zurück in China sei, wolle sie es erwägen. Dort nämlich gelte ein Akademiker noch etwas.

Dieses "noch", es hat uns aufmerken lassen. Es formuliert indirekt einen Prestigeverlust des Wissenschaftlers und Intellektuellen in der Öffentlichkeit. Dafür gibt es äußerliche Gründe, wie eine kurzlebige Medienaufmerksamkeit oder die größere Attraktivität anderer beruflicher Felder. Der Kern des Problems liegt aber an anderer Stelle: Die Wissenskultur der Gegenwart untergräbt die Autorität wissenschaftlichen Arbeitens.

Autorität ist bedeutend für den wissenschaftlichen Diskurs. Schließlich geht es darum, das je beste Argument zu finden – so lange, bis wieder ein besseres gefunden wird. In dieser friedlichen Anerkennung des besten Arguments wurzelt Autorität, sie treibt die wissenschaftliche Erkenntnissuche an. Vor allem aber handelt es sich hier um eine legitimierte Form von Autorität: Wissenschaftlich gesicherte Methodik und institutionelle Prüfmechanismen verleihen dem Argument der Forscher seine Tragfähigkeit.

In den meisten anderen Gesellschaftsbereichen hingegen wird Autorität heute nur punktuell geduldet, sie ist ein negatives Schlagwort. Wenn etwa ein politischer Populist sich über wissenschaftliche Befunde hinwegsetzt, so wird das von Teilen der Bevölkerung als Befreiung vom Joch der akademischen Eliten empfunden. Und fordern Wissenschaftler massive gesellschaftliche Veränderungen ein – etwa um den Klimawandel oder den Welthunger effektiver zu bekämpfen –, so lächelt die Politik nur müde zurück: Nicht mehrheitsfähig. Besseres Wissen zählt wenig.

Der Expertenintellektuelle

Um diesen Autoritätsverlust der Wissenschaftler zu erklären, muss man erwägen, wie sie in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten. Zwei akademische Typen werden hier unterschieden: der Intellektuelle und der Experte.

Der Intellektuelle betrat Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich die Bühne – mit der Dreyfus-Affäre, in der Person von Émile Zola. Im gesamten 20. Jahrhundert hielt sich das besonders durch Jean-Paul Sartre geprägte Bild. Demnach verkörpert der Intellektuelle völlige Unabhängigkeit und äußert Kritik am Status quo. Seine Autorität ist primär moralisch begründet: Er bezieht sich auf sein Gewissen und allgemeine Werte, deren Verwirklichung er einklagt.

Der Experte hingegen erhält seine Autorität durch sein besonderes Wissen, das für die Gesellschaft prinzipiell relevant ist, aber nicht von vielen geteilt wird. Daher ist seine Rolle nicht primär moralisch, sondern technokratisch gefasst – der Experte ist ein Problemlöser ohne notwendigen Bezug zu universalistischen Werten. Seine Nähe zur Macht erscheint deswegen als weniger problematisch: Da er wissensfundiert argumentiert, sind seine Vorschläge objektiv und wertfrei nachvollziehbar. Das Expertenmodell erfreut sich nicht ohne Grund in jenen Gesellschaften großer Beliebtheit, die einen subjektivistischen oder relativistischen Wertebegriff haben. Hier gilt: Wenn du A willst, sollst du B tun – aber ob du A wollen sollst, liegt außerhalb der Expertise des Experten.