DIE ZEIT: Ihre aktuelle Botschaft lautet: Ja, das Wetter schlägt Kapriolen, aber die Technologie gibt uns eine große Hoffnung, die wir früher nicht hatten. Können Sie diese große Hoffnung wirklich aufrechterhalten?

Al Gore: Ja. Die wirtschaftlichen und politischen Kräfte der Kohle- und der Verbrennungsmotorindustrie haben alles versucht. Mit ihrer Macht wollen sie Deutschland oder Amerika dazu bringen, die weitere Nutzung schmutziger Energie zu subventionieren. So wird der Übergang zu einer Wirtschaft mit sauberer Energie erschwert. Das Ganze kann einen nicht überraschen.

ZEIT: Und was ist überraschend?

Gore: Dass die Kosten nicht nur für Solar- und Windenergie, sondern auch für Batteriespeicherung weiter schnell fallen. Und dass es Tausende neuer Effizienzverbesserungen gibt, mit denen wir die Energienachfrage senken können. Das alles macht es am Ende schwierig für die Lobby der alten Energieträger, weiterhin mit blanker politischer Macht die Subventionen zu erreichen.

ZEIT: Aber wir leben noch immer in einer Welt, in der rund 80 Prozent der Energie aus Öl, Gas und Kohle kommen. Sie behaupten hingegen, dass uns eine neue industrielle Revolution erwartet.

Gore: Wir befinden uns im frühen Stadium einer Nachhaltigkeitsrevolution. Sie ist so weitreichend wie die industrielle, so schnell wie die digitale Revolution. Und sie fußt auch auf neuen Digitaltechnologien wie dem Internet der Dinge, künstlicher Intelligenz und weniger bekannten Fortschritten. Die sorgen dafür, dass Industriefirmen die Elektronen, Atome und Moleküle so präzise lenken können, wie die Internetfirmen Bits und Bytes managen. Eine erstaunliche Entwicklung, die den Vorteil der Erneuerbaren noch vergrößert, und sie kommt in Lichtgeschwindigkeit.

ZEIT: In der Klimafrage folgte bisher auf jede Hoffnung die Enttäuschung.

Gore: Alle, die sich mit der Klimakrise befassen, schwanken gelegentlich zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ich bin am Ende immer für die Hoffnung und halte das für realistisch. Aber entscheidend ist, dass die normalen Bürger willens sind, weitsichtige Politik zu unterstützen, sodass führende Politiker wie Angela Merkel und auch Mitglieder der deutschen Kohlekommission ermutigt werden. Erlauben Sie mir ein Beispiel?

ZEIT: Immerzu.

Gore: Der Strom von Flüchtlingen und Migranten aus klimatisch stark betroffenen Regionen wird nicht abklingen, bis wir die Klimakrise beheben. Einige der besten deutschen Forscher haben die enge Verbindung dokumentiert: Weil die Temperaturen steigen, verschlechtern sich die Lebensbedingungen in den Regionen, in denen die Menschen leben, und ihre Neigung wächst, die gefährliche Reise nach Norden anzutreten.

ZEIT: Aber wenn Politik und Medien gegenwärtig diskutieren, wie man die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern verbessern kann, reden sie nicht über Dürren und das Klima – sondern nur darüber, Geld zu schicken. Sind solche Themen zu komplex, um sie rüberzubringen?

Gore: Nein. Politische Führer, die auf Basis der besten verfügbaren Informationen handeln wollen, sind aber ständig herausgefordert. Und sie hängen davon ab, dass die Menschen zuhören und untereinander bereden, worin die Aufgabe liegt. Deshalb sind die Klimakrise und die effektive Demokratie auch miteinander verbunden.

ZEIT: Zweimal, in den Jahren 2000 und 2016, wollte die Mehrheit amerikanischer Wähler einen klimafreundlichen Kandidaten im Weißen Haus – und bekam weder Sie noch Hillary Clinton. Ist das US-Wahlsystem ein wichtiger Faktor?

Gore: Ja. Aber es geht um mehr als unser Wahlsystem, das ich gerne ändern würde: um den Zustand unserer Medien und unserer demokratischen Debatte. Soziale Medien haben nicht geholfen, sondern das Problem noch vergrößert. Vor allem durch Akteure wie Russland, die versuchen, die Demokratie zu spalten – fast so, als würden sie einen Kalten Krieg beginnen.