Aleida Assmann, 71, und Christiane Nüsslein-Volhard, 75, zählen zu den erfolgreichsten Wissenschaftlerinnen Deutschlands. Die eine erhält im Herbst zusammen mit ihrem Mann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die andere ist Nobelpreisträgerin. Assmann, Ägyptologin und Anglistin, hat fünf Kinder. Nüsslein-Volhard, Biologin, ist geschieden und kinderlos. Die Bücherregale in dem kleinen Saal im Wissenschaftskolleg in Berlin-Grunewald sind dunkel getäfelt. Durchs geöffnete Fenster weht ein lauer Sommerwind herein.

DIE ZEIT: Frau Nüsslein-Volhard, Sie sagen: Frauen können sich kaum Pausen in der Karriere erlauben. Ihre Kollegin Aleida Assmann ist nach der Promotion zwölf Jahre mit ihren Kindern zu Hause geblieben. Wie finden Sie das?

Christiane Nüsslein-Volhard: Ich sage ja nicht, dass man es so machen muss wie ich. Meine Karriere als Naturwissenschaftlerin hätte mit Familie aber sicher nicht so funktioniert. Ich hatte auch nur eine kurze Ehe, da kommt man sowieso nicht auf die Idee, Kinder zu bekommen. Außerdem bin ich keine, die in Entzückensschreie ausbricht, sobald sie ein Baby sieht.

Aleida Assmann: Hätte ich von Anfang an das große Wort von der Karriere im Kopf gehabt, wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich jetzt bin. Ich hatte allerdings immer Vorbilder. Meine Mutter hat in den 1920er-Jahren in Tübingen studiert, promoviert, geheiratet und ihre fünf Kinder erst danach bekommen. Bei mir war es genauso. Ich habe nur sehr viel früher geheiratet als meine Mutter, mit 21 Jahren, was im Jahre 1968 die absolute Ausnahme war.

ZEIT: Das war sehr bürgerlich.

Assmann: Es war total gegen den Strich. Und dann habe ich mir zu meiner Anglistik auch noch die Ägyptologie draufgeschultert, weil ich die verrückte Idee hatte, ich müsste auch von dem Beruf meines Mannes etwas verstehen.

ZEIT: Wie kamen Sie darauf?

Assmann: Meine Eltern waren beide Theologen, und mein Vater hat alle seine Themen immer mit meiner Mutter besprochen. Das war auch mein Anspruch: in geistigen Dingen mitzureden. Viel später merkte ich erst, dass ich ohne eine feste Stelle nicht wirklich ernst genommen wurde.

Nüsslein-Volhard: Du warst die Frau von Jan Assmann. Du magst das nicht so gesehen haben, aber die anderen.

Was wir erst beim Treffen erfahren: Die beiden sind Cousinen dritten Grades und haben sich vor wenigen Jahren auf einem von Nüsslein-Volhards Sommerfesten in Tübingen kennengelernt. Sie sind herzlich miteinander und manchmal hart.

Assmann: Susan Sontag hat mal zu mir gesagt: "You are not Mrs. Spouse." Ich habe mich in dieser Zeit als "freischaffende Hausfrau" bezeichnet. Aber natürlich bleibt man die Frau von ... Als Jan mal von einer Tagung zurückkam und mir davon erzählte, sagte ich: "Moment, da stimmt was nicht. Das sind doch alles meine Themen, was hast du als Ägyptologe dort zu suchen?"

ZEIT: Wie hat er reagiert?

Assmann: Das nächste Mal war ich dabei.

Nüsslein-Volhard: Als Gattin.

Assmann: Ja, ich bin erst durch Protest und Vermittlung eingeladen worden und habe dann aufgrund meiner Vorträge gleich eine Assistentenstelle an der Universität Konstanz angeboten bekommen. Dem Professor musste ich aber sagen: Wie stellen Sie sich das vor? Wir haben fünf Kinder, das jüngste krabbelt gerade.

ZEIT: Hat Sie das nicht gewurmt?

Aleida Assmann © Madlen Krippendorf für DIE ZEIT

Assmann: Nein, es war für mich eine Art Lichtzeichen: Da gibt es jemanden, der wahrnimmt, was ich mache. Aber diese Stelle war out of this world. Wir haben eine ganz traditionelle Ehe geführt, mit klar getrennten Zuständigkeiten für Beruf und Familie. Ich stehe in der Mitte zwischen der Ehe meiner Eltern und der meiner Kinder. Die Ehen meiner Kinder sind egalitär, bei meinen Eltern war alles noch viel radikaler getrennt: Meine Mutter musste, eh wir aufstanden, morgens als Erstes einen furchtbaren Ofen im Keller anheizen. Dabei konnte sie Lateinisch, Griechisch und Hebräisch und war wirklich zu Besserem geboren.

ZEIT: Was unterschied Ihre Ehe von der Ihrer Eltern?

Assmann: Mein Mann hat sich auch ums Frühstück gekümmert oder abends den Grießbrei gekocht. Aber er kam halt nach Hause, wenn er nach Hause kam, und er fuhr ins Ausland, wenn er ins Ausland fuhr. Einer musste stabil zu Hause sein, und das war zwölf Jahre lang ich. Für mich war das selbstverständlich.

ZEIT: Hat Sie dieses Wort der Mrs. Spouse umgetrieben?

Assmann: Ich habe es damals nicht so empfunden, weil ich immer in einem intellektuellen Umfeld mit Menschen verkehrte, die mich als Individuum und nicht als Anhängsel schätzten. Wir hatten einen sehr guten Freund, der mal sagte: Ihr müsst aufpassen, dass ihr nicht eineiige Zwillinge werdet, es muss mehr Differenz geben.

Nüsslein-Volhard: Was ist eigentlich dein Fach?

Assmann: Die englische Literatur.

Nüsslein-Volhard: Siehst du, das weiß halt keiner.

Assmann: Wir haben uns auseinanderdividiert: Jan war für die Antike und ich für die Moderne zuständig, und die begann mit Shakespeare.

ZEIT: Sie sind Teil der 68er-Generation: Wie viel Rebellion steckte in Ihnen, als Sie in den Wissenschaftsbetrieb eintraten?

Nüsslein-Volhard: Ich habe mein ganzes Berufsleben darunter gelitten, dass ich in diesem Wissenschaftsbetrieb als schwierig galt, weil ich die Spielregeln nicht gut beherrschte und keine Lust hatte, lange unter einem Laborboss zu arbeiten. Man macht es gut und wird auch gelobt, aber dann schmücken sich die mit einem. Wenn man dagegen rebelliert, eckt man an. Ich musste unbedingt selbstständig werden, um meine Projekte und Ideen verfolgen zu können. Aber du hast es auch nicht so nötig gehabt, Aleida, weil du mit Jan immer ganz viel Austausch hattest.