Vor einem Jahr jubelte die Bild-Zeitung, Wolfgang Schäuble, damals noch Finanzminister, habe nun sein eigenes FBI. Die Spezialeinheit sei ab sofort einsatzbereit, ihr Chef Andreas Bardong, ein eher unscheinbarer Jurist, wurde den Lesern als "Mafia-Jäger" vorgestellt. Das war natürlich alles etwas übertrieben. Die Financial Intelligence Unit (FIU) ist schließlich kein Geheimdienst, sondern eine beim Zoll angesiedelte Behörde zur Bekämpfung von Geldwäsche. Trotzdem klang das, was Bardong sagte, ambitioniert: "Wir haben es zu tun mit organisierter Kriminalität, mit Korruption, mit Wirtschaftskriminalität. Und mit der Finanzierung von Terrorismus." Das alles gelte es zu bekämpfen. Dazu sammle und analysiere die FIU Informationen zu illegalen Geldtransfers, "damit die strafverfolgenden Behörden dann das ganze Puzzle zusammensetzen und ins Tor treffen können".

Man konnte den Eindruck gewinnen, die Bundesregierung ginge ihr Geldwäsche-Problem endlich an. Anders, als es das Saubermann-Image des Landes vermuten lässt, zieht Deutschland schmutziges Geld aus aller Welt an und gilt in Europa als Paradies für Finanzkriminelle. Eine Studie im Auftrag des Finanzministeriums schätzt, dass in Deutschland je Jahr mehr als 100 Milliarden Euro gewaschen werden – in der Gastronomie, per Glücksspiel oder über den Kauf von Immobilien. Der Finanzsektor ist in dieser Schätzung noch gar nicht berücksichtigt.

Natürlich ist eine solche Zahl mit Vorsicht zu bewerten, Geldwäscher melden die Menge des von ihnen gewaschenen Geldes ja nicht ans Statistische Bundesamt. Dass sie sich in Deutschland aber relativ sicher fühlen können, scheint plausibel. Formal sind zwar über 100 Behörden für die Bekämpfung von Geldwäsche zuständig. Richtig verantwortlich fühlte sich aber lange niemand. Wegen der schleppenden Umsetzung von EU-Vorschriften zum Thema hat sich Deutschland sogar zwei Vertragsverletzungsverfahren eingehandelt.

Die FIU sollte neuen Schwung bringen. War sie bis 2017 eine kleine, unbedeutende Einheit und formal dem Innenministerium unterstellt, sollte sie nun, angedockt ans Finanzministerium, zur zentralen Anti-Geldwäsche-Einheit aufsteigen. Ein Jahr später aber fällt das Zwischenfazit vernichtend aus. Der Chef, Andreas Bardong, verlässt die Behörde, das wurde in der vergangenen Woche bekannt. Zu den Gründen haben sich die Beteiligten nicht geäußert. Sie liegen aber nahe: Bei der FIU herrscht Chaos. In den ersten Monaten mussten Verdachtsmeldungen zum Teil per Fax übermittelt werden, weil die Software nicht funktionierte. Zehntausende Verdachtsfälle blieben liegen. Kein Wunder: Bis Ende Mai, so ergab eine Anfrage des Linken-Politikers Fabio De Masi, gingen 63.461 Meldungen bei der FIU ein. Das spricht dafür, dass Deutschland tatsächlich ein Geldwäscheproblem hat. Nur: Wer soll all diese Fälle bearbeiten? 165 reguläre Mitarbeiter soll die FIU bekommen, doch von diesen Stellen waren im März gerade 101 besetzt. Die Behörde versuchte die Papierberge mit über 200 Aushilfen in den Griff zu bekommen. Laut dem Bund Deutscher Kriminalbeamter handelte es sich dabei "größtenteils um Studenten". Man kann sich schwer vorstellen, wie sie Wirtschaftkriminellen, Terroristen und Mafia-Clans auf die Schliche kommen.

Das Chaos bei der FIU ist typisch für Deutschland, das sich beim Kampf gegen Geldwäsche zu häufig im Klein-Klein bürokratischer und föderalistischer Strukturen verliert – und erst dann etwas tut, wenn es Druck von außen bekommt (auch die Aufwertung der FIU geht auf eine Initiative der OECD zurück). Der Druck von außen wird dann oft nach unten weitergereicht. So machte Schäuble als Finanzminister vor allem die Länder für Mängel verantwortlich. Diese wiederum übertragen die Aufgabe gern an die Kommunen. In manchen Städten finden sich die Geldwäsche-Beauftragten in derselben Abteilung wie Kollegen, die Hundebissen nachgehen. In Schleswig-Holstein wurde der Job sogar mal einer Standesbeamtin aufgedrückt.

Die FIU konnte das jämmerliche Bild, das Deutschland beim Jagen von Geldwäschern abgibt, bisher nicht aufhellen. Es wäre schön gewesen, wenn die desaströse Zwischenbilanz und der Abgang von Bardong den Kampf gegen Geldwäsche auf der Prioritätenliste der Politik nach oben gerückt hätten. Stattdessen aber warnt der zuständige Finanzstaatssekretär in der FAZ davor, die Anlaufschwierigkeiten überzubewerten. Und behauptet: "Deutschland war und ist kein Geldwäsche-Paradies."

Mancher Finanzkriminelle dürfte darüber geschmunzelt – und sich noch einen leckeren Cocktail genehmigt haben. Bezahlt mit frisch gewaschenem Geld, versteht sich.