Als ich im Sommer 1990 von der deutschen Vogue zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, hielt ich das zunächst für einen Gag des Satiremagazins Titanic, das sich lustig machen wollte über die taz, bei der ich damals arbeitete. In München lernte ich die Chefredakteurin Angelica Blechschmidt kennen. Unser erster Dialog: "Wie sind Sie vom Flughafen hierhergekommen?" – "Mit der U-Bahn." Sie strahlte mich an: "Wie geht das?!"

Daran musste ich denken, als ich vor einigen Tagen erfuhr, dass Angelica Blechschmidt gestorben ist.

1979 kam die deutsche Ausgabe der Vogue an die Kioske, fast gleichzeitig mit der taz. 1980 wurde die – in einem der Öffentlichkeit bis heute unbekannten Jahr – in Dresden geborene Angelica Blechschmidt Art-Direktorin des Magazins. Der Anzeigenakquisiteur der US-Vogue und spätere amerikanische Herausgeber Cyril Kuhn hatte sich ab Mitte der Siebzigerjahre in Deutschland umgesehen und festgestellt, dass sich eine deutsche Vogue lohnen würde. Dann erkundigte er sich nach der besten deutschen Journalistin und fragte – "das Beste ist für die Vogue gerade gut genug" – Marion Gräfin Dönhoff, die langjährige Herausgeberin der ZEIT. So erzählte er es mir einmal. Als ich die Gräfin später darauf ansprach, wollte sie es nicht ausschließen, "aber erinnern kann ich mich nicht".

Statt der Gräfin kamen eine Reihe hoch qualifizierter Chefredakteurinnen, von denen die meisten vom Herausgeber gekippt wurden. 1989 machte er die Art-Direktorin Angelica Blechschmidt zur Chefredakteurin. Wahrscheinlich tat er das nicht, weil er ihre Begabung erkannt hatte, sondern weil er wohl keine andere mehr bekam und fest davon überzeugt war, sie werde stets tun, was er sagt.

Ein Jahr später heuerte ich also als stellvertretender Chefredakteur und Textchef bei der Vogue an. Ich war nicht Vogue-like, und ich wurde es auch nicht. Der Chef der europäischen Vogue-Ausgaben, ein sehr gut aussehender, sehr alerter alter Herr, schreckte jedes Mal entsetzt vor meiner übergewichtigen Erscheinung, meinen alten Jeans und den hochgekrempelten Ärmeln meines Hemdes zurück. Angelica Blechschmidt schien das nicht nur nicht zu stören: Es amüsierte sie. Lange hatte ich gerätselt, wie die Vogue darauf gekommen war, mich einzustellen. Irgendwann dämmerte mir, dass niemand in der Branche den Job haben wollte. Jeder wartete darauf, dass Angelica Blechschmidt ebenso gefeuert werden würde wie viele Vorgängerinnen.

Dagegen sprach vor allem der Erfolg des Heftes, dessen Auflage sich unter ihr mehr als verdoppelte. Der amerikanische Herausgeber beschimpfte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Er kam in Redaktionssitzungen, um sie vor versammelter Mannschaft – die vorwiegend aus Frauen bestand – runterzuputzen. Alles auf Englisch. Zum Beispiel, weil sie Naomi Campbell aufs Cover gesetzt hatte statt zum zigsten Male Claudia Schiffer. Angelica Blechschmidt saß aufrecht auf ihrem Stuhl, streckte das Kinn vor und sagte kein Wort. Der Amerikaner lief rot an vor Wut, bis er türenknallend die Redaktion verließ. Angelica Blechschmidt war wieder die souveräne Chefin.

Im Job hatte sie Nehmerqualitäten wie, entschuldigen Sie bitte, das klingt jetzt sehr ungalant, Muhammad Ali sie in Kinshasa im Kampf gegen George Foreman zeigte. Es gibt keinen Erfolg ohne diese Gabe. Ich war zu eitel für so etwas und verließ den Laden nach etwas mehr als zwei Jahren. Ich hatte verstanden: Angelica Blechschmidt war – so sehr trügt der Schein – nicht eitel. Angelica Blechschmidt blieb bis 2003.

Ich war gerade ein paar Wochen bei der Vogue, da saßen Chefredaktion und Geschäftsleitung beisammen und sprachen darüber, die Preise zu erhöhen, weil die Auflage des Blattes sich einfach zu gut entwickle. Es bestehe, hieß es, die Gefahr, den Ruch der Exklusivität zu verlieren. Ich meine mich zu erinnern, dass das ein Argument von Angelica Blechschmidt war.

Sie war scheu und sehr unsicher. So bat sie einen Freund, der einmal ein großes Licht beim stern gewesen war, gegen einen gut bezahlten Beratervertrag, ihr bei der für sie neuen redaktionellen Arbeit zu helfen. Angelica Blechschmidt hörte sich vieles von vielen an. Am Ende aber tat sie, so kam es mir vor, was sie für richtig hielt. Sie liebte Sprüche wie "Das Bessere ist der Feind des Guten". Das führte dazu, dass noch lange nach der Deadline vieles umgeworfen wurde. Meine Aufgabe war bald, die Termine einzuhalten und so das Geld zusammenzuhalten. Andererseits: Ich erinnere mich an ein Telefonat mit Peter Sloterdijk an einem Freitagabend. "Wir brauchen bis Montag sechs Normseiten", erklärte ich ihm. "Ausgeschlossen. Sind Sie verrückt?" – "Wir zahlen 12.000 DM". Sloterdijk schluckte, und Montag lag das Fax mit seinem vor Lust an der Intelligenz sprühenden Text auf meinem Schreibtisch.