Sie sitzen am frühen Morgen da, sie sitzen am späten Abend da, wenn das Wasser des Kanals unter dem Ansturm der Mücken wie eine Pferdehaut zuckt, sie sind da selbst in der glühenden Mittagssonne, wenn eigentlich nur Menschen unterwegs sind, deren Hunde Pipi machen sollen. Sie sitzen da wie Wasserstellenmobiliar, wenn sie nicht gerade anreisen für dieses Herumsitzen, dann zuckeln sie mit Fahrrad oder Moped über die Spazierwege, hinter sich kleine Anhänger, aus denen Gestöck ragt.

Angler! Sie sind die Helden meines Sommers. Man findet sie an Teichen inmitten von Parkanlagen oder in Wäldern, an Bachläufen, an in Beton verkastelten Kanälen in rüden Industriegebieten. Männer, die schweigen. Männer, so still, als hätten sie sich in sich selbst hineingestülpt. Man könnte an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Es sind Männer in kurzen Hosen mit prallen, mitunter tätowierten Waden oder Männer mit schütterem Haar, aber ausgebeulten Tarnklamotten. Männer, die so ruhig dasitzen, dass sie mit dem Gestrüpp verschmelzen, auf dem sie sich niedergelassen haben, falls sie nicht, die Schultern hochgezogen, in faltbaren Campingstühlen versinken oder gerade in niedrige grüne Halbzelte abgetaucht sind. Gelegentlich erheben sie sich, um an einer Batterie von Stöcken zu rütteln, die aufs Wasser hinausragen, oder an einer Kurbel zu wurschteln, mit der die Leinen der Angeln eingeholt oder ausgelassen werden.

Darf man sie grüßen? Ansprechen? Fragen, ob sie schon was gefangen haben? Ob sie auch Angst um unsere Regierung haben? Um unser schönes Europa? Vor Trump?

Angler zeigen gerne die Instrumente. Ausgelegt sind Bierdosen und aufgeschraubte Plastikgefäße, in denen sich Maden zu molligen Halbmonden kringeln. Konservendosen, aus denen blanke Messer ragen, Plastikeimerchen, leer. Dazwischen die Handys, achtlos weggeworfen. Wissen die Typen, was los ist? Dass in München Abertausende auf den Straßen die Absöderung des Heimatministerpräsidenten fordern? Haben sie mitgekriegt, dass die EU sich auf Lager geeinigt hat für die Konzentration von Flüchtlingen? Dass Susan Sarandon in Washington verknastet wurde, mit Hunderten anderer Frauen, die gegen das Einsperren von Migrantenkindern in Käfigen demonstrierten? Verfolgen sie die Debatte, ob nach dem Erschlaffen der Nationalelf nicht nur Löw, sondern auch Merkel zu beseitigen wäre?

Man weiß es nicht. Man wüsste es natürlich gerne. Ob sie darüber nachdenken. Oder ob sie versuchen, gerade nicht darüber nachzudenken. Ob sie überhaupt etwas denken, wenn sie so aufs Wasser blicken, ob Angeln vielleicht eine Art von archaischer Achtsamkeitsübung ist, um dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen. Einmal kein Politporno. Nächte ohne Netflix. Oder das Geschnatter zu Hause. Einfach das pure Männerdasein.

Das mag jetzt ein bisschen romantisch klingen. Klar aber scheint mir Folgendes zu sein: Die Welt wäre entspannter, würden mehr Männer angeln. Biegsame Ruten übers Wasser hängen statt mit Nationalhymnen aufmarschieren. Kleine Maden auf Häklein stecken statt Kinder in Käfige. Klappe halten statt twittern. Oder nach sechs Stunden Marathonmeeting mit Karacho zurücktreten und wieder zurück.

Man stelle sich vor, Söder oder Boris Johnson am Ufer eines Kanals. Meinetwegen Lindner dazu. Nur mal ein herübergeworfenes: "Versuch’s mal mit Größe pipapo." Leine ruckeln. Aufs Wasser schauen, bis sich die Sicht auf Ferne stellt. Wie wäre die Welt doch so ruhig und schön. Und falls jetzt jemand einwendet, das klinge nach naturhaftem Isolationsknast – wer genau hinschaut, wird bemerken, dass in einiger Entfernung oft ein weibliches Wesen hockt, oft auf einem Spazierbänklein, über eine kleinformatige Illustrierte gekrümmt. Mutti.

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