München-Schwabing, ein altes Haus mit knarrenden Dielen, das Institut für Soziologie. Im dritten Stock liegt das Büro von Armin Nassehi. Wir wollen über Komplexität sprechen, über den Eindruck, dass die Welt kaum mehr zu durchdringen ist, dass Politiker nicht mehr steuern können. Nassehi hat ein Buch darüber geschrieben ("Die letzte Stunde der Wahrheit", kursbuch.edition 2017), aber hier oben wirken die Dinge doch recht übersichtlich: Die hohen Fenster stehen offen, der Sommerwind weht herein, die Fassaden ringsum strahlen cremig. Wie also beginnen?

DIE ZEIT: Herr Nassehi, ich würde gern mit Ihnen über Komplexität sprechen. Und ich glaube, wir müssen uns da sehr unterkomplex herantasten ...

Armin Nassehi: Ach, eigentlich ist Komplexität doch ein Allerweltsbegriff. Wenn wir nicht weiterwissen, dann sagen wir: Das ist zu komplex. Ich beschäftige mich ja schon länger damit, deshalb spotten manche Kollegen, jetzt kommt wieder der Nassehi und sagt, es ist komplex, aber eigentlich weiß er auch nicht, was los ist.

ZEIT: Das geht ja vielen so. Vor einigen Tagen wurde die Kanzlerin bei einer Pressekonferenz zur Asylpolitik nach einem nicht ganz unwesentlichen Detail gefragt und musste einräumen, das sei neu für sie, davon habe sie auch noch nichts gehört. Zeigt das nicht ...

Nassehi: ... was für ein glückliches Land, in dem eine Regierungschefin so eine Antwort gibt! Das ist ja schon ein Hinweis darauf, wie man mit Komplexität umgehen könnte.

Ehrlichkeit im Umgang mit Komplexität ist also ratsam. Das werden wir auch einmal auf dieses Interview übertragen: Die gedruckte Fassung des Gesprächs ist viel straffer, konsistenter, glatter als der manchmal ein wenig mäandernde Austausch in Nassehis Büro. In einem Gespräch zu diesem Thema kann man das ruhig einmal offenlegen. Also weiter:

ZEIT: Was genau meinen Sie, wenn Sie von Komplexität sprechen?

Nassehi: Etwas ganz Einfaches, nämlich anzuerkennen, dass häufig mehr Faktoren auf eine Situation einwirken, als wir kontrollieren können. Das zeigt Ihr Beispiel perfekt: Die Kanzlerin geht ja nicht unvorbereitet in diese Pressekonferenz, sie hat sich vermutlich überlegt, welche Fragen können kommen, und dann passiert etwas Unvorhergesehenes, etwas, das sie nicht kontrollieren kann ... An solche Situationen müssen wir uns gewöhnen.

ZEIT: An den Kontrollverlust?

Nassehi: Nein, daran, dass wir in einer Situation nicht alle Parameter kontrollieren können. Das hört sich vielleicht akademisch kompliziert an, ist aber eigentlich nicht schwierig. Wir alle verfolgen ja Ziele, sagen wir, ich möchte Kollegen davon überzeugen, bei einem Projekt mitzumachen. Dann lege ich mir einen Plan zurecht: Was muss ich tun, um dieses Ziel zu erreichen? Und während ich es versuche, stelle ich fest, dass die Kollegen anders reagieren, als ich es erwartet hatte. Darauf muss ich mich einstellen, und schon sind während des Prozesses die Parameter andere als vorher. Das ist für mich eine Parabel auf eine moderne Gesellschaft, in der es passieren kann, dass eine wohlpräparierte Kanzlerin in einer Pressekonferenz mit einer Frage konfrontiert wird, auf die sie nicht vorbereitet ist.

ZEIT: Ist die Welt komplizierter geworden?

Nassehi: Sie ist vor allem subjektiv komplizierter geworden. Niemand kann sich mehr darauf verlassen, dass das Zusammenspiel der Institutionen tatsächlich noch funktioniert.

Jetzt holt Nassehi weit aus, spricht über die letzte große Zäsur der Gesellschaft, die Zeit um 1800, über Subjektivität, über Hegel und Kant, über die Idee von Verantwortung für etwas, das der Mensch zum Teil gar nicht selbst verantworten kann. Nach einer Weile blenden wir wieder rein:

Nassehi: Um dieselbe Zeit entstand der Nationalstaat. Er half, Komplexität zu bändigen, die bürgerliche Lebensform schuf die Illusion, der Bürger habe die Kontrolle über sein eigenes Leben. Diese Kontroll-Illusion blieb intakt bis fast in die Nullerjahre. Aber jetzt beginnt sie zu kippen.

ZEIT: Sie sagen, wir müssen einsehen, dass wir die Welt nicht steuern und kontrollieren können. Sind wir fremden Mächten ausgeliefert?

Nassehi: Nein. Aber man braucht eine bestimmte Denkungsart, um sich nicht von der Welt überfahren zu lassen. Der größte Fehler heute wäre, weiter so zu tun, als könnten wir die Dinge kontrollieren. Können wir nicht. Und mit dieser Nicht-Kontrollierbarkeit müssen wir rechnen.

ZEIT: Was heißt das?

Nassehi: Schauen Sie in die Wirtschaft. Dort arbeitet man längst mit Szenarien, mit unterschiedlichen Modellen für verschiedene Entwicklungen. Wer so denkt, der hat die Idee von vollständiger Planbarkeit und eindeutiger Kontrolle aufgegeben, der sagt, ich kann die jetzige Situation nur weiterdenken und mir überlegen, was sich ändert, wenn an bestimmten Weggabelungen dies oder jenes passiert.