Zwei Exemplare gibt es noch vom Nördlichen Breitmaulnashorn, zwei Weibchen, die in einem Reservat in Kenia leben. Doch Nachwuchs können beide nicht mehr bekommen. Fatu, 18 Jahre alt, hat eine vernarbte Gebärmutter. Bei Najin, 28, sind die Achillessehnen so kaputt, dass ihre Beine eine Schwangerschaft nicht überstehen würden. Die Art von Fatu und Najin ist de facto ausgestorben.

Oder doch nicht? Seit Jahren arbeitet ein Team um den Veterinär Thomas Hildebrandt vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung daran, mit künstlicher Befruchtung Nachwuchs zu zeugen. Das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn aber musste im März eingeschläfert werden. Sudan hieß der Bulle, und wie die beiden Kühe lebte er im Ol-Pejata-Reservat in Kenia. Rund um die Uhr wurde er dort von Rangern mit Kalaschnikows bewacht, die Bilder davon gingen um die Welt. Sie sollten ihn vor Wilderern schützen, denn das Horn der Rhinos erzielt auf den asiatischen Schwarzmärkten, wo es als Aufputschmittel verkauft wird, höhere Preise als Kokain.

Hildebrandt forscht seit Jahren an einer Technik, die es erlaubt, Nashörnern Eizellen zu entnehmen. Das ist kompliziert, liegen die Eierstöcke doch im Inneren des massiven Körpers, fast zwei Meter von der Vagina der Nashorn-Kuh entfernt. Der Tierarzt hat sich eine Technik patentieren lassen, die ihm erlaubt, über die Seite durch den Darm an den Eierstock zu gelangen. Das ist riskant, denn er arbeitet dabei in der Nähe von armdicken Blutgefäßen. Ein Fehler, und das Tier verblutet.

Weil es nur noch zwei weibliche Nördliche Breitmaulnashörner gibt, haben die Wissenschaftler die Prozedur an der Schwester-Art, den Südlichen Breitmaulnashörnern, ausprobiert und verfeinert. Auch wenn in den vergangenen Jahren über 1000 Tiere durch Wilderer abgeschlachtet wurden, gibt es von ihnen immerhin noch rund 20.000 Exemplare. Weil sie mit ihren nördlichen Cousins so eng verwandt sind – ob es sich um eigene Arten oder nur Unterarten handelt, darüber streiten sich die Gelehrten –, wollten die Forscher eine Eizelle eines Südlichen Breitmaulnashorns mit dem Spermium eines Nördlichen befruchten.

Das hat vor ihnen noch niemand versucht – doch nach Jahren der Vorbereitung ist es Hildebrandt und seinen Kollegen gelungen, einen Embryo zu erzeugen (Nature Communications). Die Forscher benutzten dabei das eingefrorene Sperma schon länger verstorbener Männchen.

Der nächste Schritt bestünde nun darin, den Hybrid-Embryo in den Uterus einer Leihmutter einzupflanzen – einer jungen und gesunden Vertreterin der Südlichen (Unter-)Art. Der Nachwuchs, der schließlich nach einer Tragezeit von 16 Monaten geboren werden könnte, wäre ein spektakulärer Erfolg auf dem Gebiet der tierischen Reproduktionsmedizin.

Man sollte allerdings vorsichtig sein, dies als Durchbruch des Artenschutzes zu feiern. Die Wiederbelebung ausgestorbener Arten, de-extinction genannt, wird an vielen Orten der Welt vorangetrieben. In Boston haben Forscher Mammutgene in das Erbgut von Elefanten eingepflanzt, beim Lazarus-Projekt in Australien soll eine Froschart von den Toten zurückgeholt werden. Selbst wenn das gelingt – und die Erfolge um die Nashorn-Forscher zeigen die großen Fortschritte auf dem Feld –, sind die ambitionierten Projekte nur dann sinnvoll, wenn zugleich die Ursachen des jeweiligen Aussterbens bekämpft werden.

Dem Nashorn etwa hat vor allem die Wilderei zugesetzt und auch die Tatsache, dass sein Lebensraum schwindet. Solange die Forscher an dem Petrischalen-Nashorn arbeiten, könnte man ja schon mal beginnen, diese Übel zu bekämpfen.