An einem warmen Juniabend stoppt ein österreichischer Tourist seinen roten Opel mit Kärntner Kennzeichen auf der Ponte Virgolo in Bozen. Er will ein Postkartenmotiv-Foto knipsen. Hinter der Stadt die Dolomiten mit Kuppeln aus Schnee, pinkgolden beschienen von der untergehenden Sonne, darunter rauschend der Eisack. "Traumhaft, nicht?", ruft der Tourist den zwei jungen Männern zu, die an ihm vorbeigehen. Sie nicken stumm, verschwinden am Ende der Brücke, der Tourist schaut ihnen nach, steigt in seinen Wagen und fährt davon.

Ali und Hussein (die Namen sind geändert) schieben den Bauzaun zur Seite, klettern die Böschung hinab. Unter der Brücke liegen nebeneinandergereiht Matratzen, Isomatten, Pappkartons, die mit Felsbrocken beschwert sind, damit sie nicht davongeweht werden. Daneben verrottet der Müll. Maggi-Tüten, Shampoo-Dosen, durchgelaufene Adidas-Sneakers. Das Rauschen des Wassers ist hier unten noch lauter. Als es dunkel wird, zucken im blauen Licht der Brückenscheinwerfer Männerschatten wie nervöse Geister über die Wände. "Willkommen daham, da wohn i", sagt Hussein, macht ein Gesicht wie jemand, der für Postkartenmotive nicht viel übrig hat.

Zwischen zehn und zwanzig Menschen schlafen hier. Mitten in Bozen, nur 15 Minuten zu Fuß sind es von unter der Brücke bis in die Altstadt. Allesamt sind sie Flüchtlinge, die meisten Pakistaner und Afghanen. Allesamt sind sie seit mehreren Jahren in Europa und teilen das gleiche Schicksal: Ihre Asylanträge wurden in anderen EU-Staaten abgelehnt, und aus Angst, abgeschoben zu werden, sind sie nach Italien geflohen. Sie kommen aus Dänemark und Norwegen, aus Schweden und Deutschland – die meisten kommen aber aus Österreich. So wie Ali, 18, und Hussein, 22 Jahre alt.

Die beiden jungen Männer sitzen auf der Kante einer durchgelegenen, schmutzigen Matratze. Hussein trägt einen silbernen Ring im linken Ohr, sieht ein bisschen aus wie eine afghanische Version von Bruno Mars. Ali hat sich mit Henna Strähnen in die Haare gefärbt, trägt ein Tanktop bedruckt mit den Stars and Stripes. Er wischt über das Display seines Smartphones, nacheinander erscheinen Fotos: Ali mit Schürze, wie er bei der Arbeit in einem Sozialmarkt in Oberösterreich einer alten Frau eine Tasche mit Obst in die Hand drückt. Ali auf dem Fußballmannschaftsfoto kurz vor Anpfiff, ernster Gewinnerblick. Ali im Smoking, weißes Hemd und Fliege, im Arm eine junge Frau im schwarzen Cocktailkleid, die blonden Haare nach oben gesteckt. "Meine Ex-Freundin", sagt er halb stolz, halb traurig. Und dann einen Satz wie ihn Fußballprofis vor der Kamera sagen, wenn sie alles gegeben und trotzdem verloren haben. "Tja, isso. Kamma nix machen."

Zwanzig Tage ist es her, dass die beiden jungen Afghanen nach Italien gekommen sind. Zu Fuß, über die Berge, um vier Uhr in der Früh, noch bevor die Sonne aufgegangen war, seien sie los, so erzählt es Hussein. Sechs Stunden hätten sie gebraucht. Zwei Tage zuvor waren sie in der Bahn von Grenzbeamten am Brenner kontrolliert und nach Österreich zurückgeschickt worden. Ali hatte bis dahin in Oberösterreich gelebt, Hussein in Kärnten. Beide waren im Sommer 2015 über die Balkanroute nach Mitteleuropa gekommen, wie die meisten der mehr als 178.000 Afghanen, die im Jahr 2015 in der EU einen Asylantrag gestellt haben. In Österreich waren es damals noch über 25.000, im Jahr 2017 nur noch 3676 Afghanen.

"I hab vorher nie von Österreich g’hört", sagt Hussein auf Deutsch mit afghanisch-kärntnerischem Akzent. "Aber die Polizisten ham mein Finger abgedrückt und g’sagt: Bleibst da, Afghaner kriegen in Österreich eh Asyl. Drei Jahr später hab i zwei negativ und sitz unter der Brück in Italia."

Wie viele abgelehnte Asylbewerber jeden Monat aus Nordeuropa nach Italien kommen und dort Asyl beantragen, kann niemand genau sagen. Die über die italienische Nordgrenze ankommenden Asylbewerber würden nicht separat von jenen Menschen erfasst, die über das Mittelmeer kommen, heißt es aus der Pressestelle des Innenministeriums in Rom. "Wir beobachten in Bozen seit Ende 2016, dass vermehrt Asylbewerber aus dem Norden zu uns kommen", sagt Federica Della Pria, Mitarbeiterin des Projekts Antenne Migranti, die seit sechs Jahren als Streetworkerin Flüchtlinge in der Südtiroler Landeshauptstadt betreut. "Damals waren es vor allem Menschen aus Deutschland. Aber in den letzten zwei Monaten kamen die meisten aus Österreich."

In Italien ist die Chance auf Asyl für Afghanen höher als in anderen EU-Ländern

Im Oktober 2016 hatte die Europäische Union gemeinsam mit der afghanischen Regierung um Präsident Aschraf Ghani das Joint Way Forward Agreement geschlossen. Ein Übereinkommen, das es den EU-Staaten erlaubt, abgelehnte Asylbewerber auch ohne Ausweispapiere nach Afghanistan abschieben zu dürfen. Afghanistan hatte kaum eine Wahl: Die EU-Staaten hatten gedroht, ansonsten die Entwicklungshilfe zu kürzen. Vor allem die skandinavischen Länder, Deutschland und Österreich schicken seitdem abgelehnte Asylbewerber in Charter-Maschinen – 20 waren es im Jahr 2017 – und Linienflugzeugen nach Kabul. Frankreich und Italien tun das nicht.

In Italien liegt die Chance für afghanische Asylbewerber, einen Schutzstatus zugesprochen zu bekommen, noch immer bei mehr als 90 Prozent, höher als in allen anderen EU-Staaten. In Österreich werden 56 Prozent aller afghanischen Asylanträge negativ beschieden. Im Jahr 2017 wurden 703 Afghanen aus Österreich abgeschoben, dazu zählen aber auch Dublin-Rückführungen in Länder, in denen die Flüchtlinge zuerst einen Asylantrag gestellt hatten. Bis Ende März 2018 waren es 108 Personen. Herbert Langthaler von der Asylkoordination in Wien schätzt, dass 2018 bislang etwa 60 Menschen aus Österreich nach Kabul abgeschoben wurden. Offizielle Statistiken veröffentlicht das Innenministerium hierzu nicht, stattdessen kündigte Innenminister Herbert Kickl, FPÖ, im März an, dass Rückführungen nach Afghanistan künftig "so restriktiv wie möglich" verfolgt werden sollen.