Die Liste ist lang: die Liste von Berufen, in denen es viel mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt. Bäcker sind darunter, Lokführer, Klempner, Kellner, Dachdecker oder Fleischer, aber auch Altenpfleger. Pflegeeinrichtungen warten im Durchschnitt 175 Tage, bis sich ein Schulabgänger auf einen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz meldet. Bei den Lokführern sind es sogar 193 Tage. Laut aktueller Statistik bleiben im Bäckereihandwerk von 15.240 Ausbildungsstellen deutschlandweit 9261 unbesetzt. Dennoch sagen die Zehntklässler der Integrierten Gesamtschule Lüneburg, dass sie sich gerade diese Berufe nicht aussuchen werden. Sie fürchten sich vor Langeweile und Eintönigkeit mehr als vor einem zu geringen Gehalt. Und sie haben eigene Vorstellungen – die Berufe der Eltern oder deren Vorschläge spielen in den Überlegungen der Jugendlichen aus Lüneburg kaum eine Rolle. "Das ist doch typisch für unsere Generation", sagt die 16-jährige Kimberly: "Wir wollen machen, was uns gefällt."

Was wir nicht werden wollen:

Altenpfleger

Dominik: "Wir brauchen diesen Beruf, nur bekommen die Fachkräfte wenig Geld und Anerkennung. Dagegen vermarktet beispielsweise ein Autohändler Produkte, die nur der Firma zum Erfolg verhelfen, und kriegt dafür 3000 Euro brutto."

Kimberly: "Ich habe eine gewisse Berührungsscheu vor alten Menschen. Vor allem, weil man in diesem Beruf damit klarkommen muss, dass sie irgendwann nicht mehr da sind. Du bist ständig mit dem Tod konfrontiert."

Lokführer

Dominik: "Bestimmt ein schöner Beruf, bei dem man viele verschiedene Orte sieht. Aber tagtäglich vorne in der Bahn zu stehen und durch die Landschaft zu fahren wäre mir einfach zu langweilig."

Pauline: "Man ist wenig in Bewegung und wenig draußen. Der Beruf ist eintönig, glaube ich.

Restaurantfachmann/-frau bzw. Kellner

Dominik: "Ich stelle mir das unglaublich stressig vor. Dir fällt etwas runter, und dann hast du den Kunden, der dich stresst, den Chef, der dich stresst, die Küche, die dich stresst, weil alles noch mal gemacht werden muss. Am Ende sind alle unzufrieden."

Niklas: "Ich weiß von ein paar Freunden, die das als Nebenjob machen, dass sie da ziemlich geknechtet werden: Du wirst immer rumgeschickt, hast wenig frei und musst spontan einspringen."

Bäcker

Kimberly: "Viel zu früh morgens."

Tobias: "Meine Mutter arbeitet als Bäckerin. Sie backt jeden Tag die Brötchen und steht viel hinter der Theke. Sie kommt gut damit klar. Aber ich glaube nicht, dass diese Regelmäßigkeit für jeden etwas ist."

Fleischer

Niklas: "Mir wär es zu krass, ein Tier auszunehmen. Ich habe beim Angeln mal versucht, einen Fisch auszunehmen, und das ist mir extrem schwergefallen. Das Ding hatte ja gerade noch gelebt."

Tobias: "Mein Opa war Fleischer. Es ist cool zu wissen, wie man das viele verschiedene Fleisch schneidet und so. Ich habe aber keine Lust, hinter einer Theke zu stehen und das Fleisch zu verkaufen. Ich könnte es mir höchstens für ein Jahr vorstellen, aber nicht ein ganzes Leben lang."

Klempner und Heizungstechniker

Niklas: "Das ist ein extrem anstrengender Beruf, den viele nicht machen möchten, weil er schlecht bezahlt ist."

Dominik, 16, möchte keine alten Menschen, sondern lieber Grafikdesigner werden. © Paula Markert für DIE ZEIT

Dominik: "Wir hatten mal im Keller eine Toilette, die mit einer Hebeanlage funktioniert. Als die kaputt war, musste der Klempner kommen und in den Exkrementen wühlen."

Was wir werden wollen:

Tobias: "Ich habe mich bei der Polizei beworben. Das war so ein Kindheitswunsch von mir. Aus den gleichen Gründen hatte ich auch darüber nachgedacht, Lokführer oder Rettungsassistent zu werden. Als Lokführer, dachte ich, ist es bestimmt schön, so viel Landschaft zu sehen. Und Rettungsassistent fand ich cool: zur Stelle zu sein und Menschen vielleicht sogar das Leben zu retten. Bei der Polizei hat mich gereizt, dass ich sowohl Streifenpolizist sein kann wie auch Zivilpolizist, Hundeführer oder Mitglied von verschiedenen Einsatztruppen. Und was auch zählt: Man wird recht gut bezahlt."

Merle: "Ich hatte schon viele Ideen, was ich machen möchte – weil ich so gerne Menschen beim Arbeiten beobachte und dann sofort verstehen will, was sie da tun. Ich wollte schon ins Krankenhaus gehen, Dachdeckerin oder Elektrikerin werden, auch Pilotin. Ich beginne jetzt aber eine Ausbildung bei einem Vermessungsbüro. Da verdient man gut, ist viel draußen unterwegs und arbeitet auch im Büro. Aber man sitzt dann eben nicht stumpf tippend am Computer, sondern arbeitet auch mit alten Karten, die man im Lager einsehen kann. Diese Mischung macht es für mich aus."