Vom 1. August an wird in Deutschland das Geld zum Fenster hinausgeworfen. So ungefähr blicken die allermeisten Experten dem Start des Baukindergelds entgegen, der zu diesem Termin geplant ist. Die von der Koalition geplante Förderung des Immobilienerwerbs – 1.200 Euro pro Jahr und Kind – koste viel, bringe aber "fast nichts", sagt Michael Voigtländer, Immobilienexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Lars Feld, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, hält das Vorhaben für "im Grundsatz völlig verfehlt". Und für Christoph Schmidt, den Vorsitzenden des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen, ergibt die ganze Sache ökonomisch schlicht "keinen Sinn".

Die Wissenschaftler fürchten: Die Nachfrage nach Immobilien ist gerade in den Städten derzeit so groß, dass die Immobilienverkäufer einfach die Preise erhöhen, wenn die Kunden mehr Geld in der Tasche haben. Was sagt es über die Politik aus, wenn die Regierung eine Maßnahme beschließen kann, die die Experten einhellig ablehnen?

Von Reh-Essen und Regionen

Die Geschichte des Baukindergelds beginnt in Fuchsmühl im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Im Dezember 2007 veranstaltet der Ortsverband der CSU dort im Hotel Hackelstein sein traditionelles Reh-Essen. Man trifft sich, schmiedet Pläne für das kommende Jahr. Schnell kommt das Gespräch auf den grassierenden Bevölkerungsschwund. Immer mehr Menschen verlassen die Gegend, Schulen müssen geschlossen werden. Noch am selben Abend wird ein Antrag für ein "Sonderprogramm familienfreundliches Fuchsmühl" vorbereitet, der unter anderem den Vorschlag enthält, ein "Baukindergeld" für junge Familien einzuführen, damit die nicht wegziehen, sondern sich ein Haus bauen und bleiben.

In den dünn besiedelten Regionen im Norden Bayerns gewinnt die Idee in den Jahren darauf unter jungen CSU-Politikern immer mehr Anhänger. Sie landet auch auf dem Schreibtisch von Hans Reichhart. Reichhart ist Vorsitzender der Jungen Union Bayern – und er ist entschlossen, die Chancen zu nutzen, die der anlaufende Bundestagswahlkampf bietet. Im April 2017 verabschieden die Kreisvorsitzenden der Jungen Union ein Zehn-Punkte-Papier für den Wahlkampf. Unter Punkt neun fordert sie die "Einführung eines Baukindergelds".

Reichhart findet schnell einen mächtigen Verbündeten: Markus Söder, damals noch bayerischer Superminister für Finanzen und Heimat. In dieser Funktion kümmert sich Söder speziell um abgehängte Regionen. Er reist durch Städte und Dörfer und hört sich die Sorgen der Bürger an – und er merkt schnell, dass das Baukindergeld populär ist. Söder sorgt dafür, dass es in den Forderungskatalog der CSU für den Wahlkampf aufgenommen wird.

Das ist die erste interessante Erkenntnis dieser Geschichte: Es ging den Erfindern des Baukindergelds zunächst überhaupt nicht darum, das Problem der Wohnungsknappheit in den großen Städten zu lösen, sondern das Problem des Bevölkerungsrückgangs auf dem Land. Dort gibt es, anders als in den Städten, noch ausreichend Baugrundstücke – und die Immobilienpreise können mangels Nachfrage auch nicht so leicht erhöht werden.

Eine Idee nimmt ihren Lauf

Am 3. Juli 2017 ist Peter Altmaier am Ziel. Altmaier – damals Chef im Bundeskanzleramt – wurde von Angela Merkel beauftragt, das Wahlprogramm für die Union auszuarbeiten. An diesem Montag wird es von den Parteivorständen von CDU und CSU verabschiedet. Auch über das Baukindergeld hat man diskutiert. Es ist in der Union umstritten. Wolfgang Schäuble ist dagegen, er hält es für reine Geldverschwendung. Aber die CSU macht Druck, und in der CDU hat der Vorschlag ebenfalls Anhänger. In den Umfragen legt die AfD zu, und das Thema Wohnen bewegt die Wähler. Das Baukindergeld – so scheint es – löst zwei Probleme auf einen Streich: Es macht Wohnungen erschwinglicher und ist zugleich das von vielen Unionspolitikern geforderte Symbol dafür, dass man wieder einmal etwas für die "eigenen Leute" tut, nachdem so viel Geld für die Flüchtlinge ausgegeben wurde.