Nach zehn Minuten Fußmarsch durch dieses Winterthurer Quartier hat sich jede Hoffnung auf Glamour und Erotik verflüchtigt. Links Zahnprothetik, rechts Sehhilfen für Blinde und dann die nächste Dönerbude. Ein Missverständnis, ganz klar. Die Adresse macht aus dem Verdacht Gewissheit. Im Gärtchen stehen Velos wie vor einer Studenten-WG; durchs spärlich beleuchtete Treppenhaus wabern Essensdünste. Dass eine zierliche Dame mit gestrenger Brille die Türe öffnet, erstaunt nicht mehr. Das ist keine Regisseurin pikanter Boudoir-Geschichten. Das ist eine Lehrerin, die gleich aufräumen wird mit den hartnäckig festsitzenden Vorurteilen ihrem Metier gegenüber.

Natürlich ist ihr Auftritt gekonnte Inszenierung. Doch das merkt man erst später. Denn in Beata Sievis Leben ist alles Performance: Beziehungen, Arbeit und Wohnung, die zugleich Atelier ist. Voluminöse Vorhänge schließen das schnöde Tageslicht aus; im Halbschatten stehen, fremd wie Wesen aus einer anderen Welt, Schneiderpuppen mit Miedern, wie man sie nur noch in historischen Filmen und an Disneyprinzessinnen sieht. Die Taille ist zum Blumenstiel geschnürt, die verdrängte Masse wird nach oben und unten gepresst. Die zur Formung benötigten Hilfsmittel liegen auf dem Arbeitstisch: Spitze wie in der Haute Couture, Stahlrollen wie in der Spenglerei. Wie viel Metall sie verarbeite, sagt Sievi, hänge von den Grenzen der Kundin ab: "Was nimmt sie der Schönheit zuliebe in Kauf?"

Es ist die altmodischste Art, auf Anhieb zur kurvigen Figur zu kommen; heute optimieren Frauen ihren Körper lieber chirurgisch. Preislich freilich gibt’s kaum einen Unterschied zwischen Schere und Skalpell. Beata Sievis einfachstes Modell kostet dreitausend, das aufwendigste fünftausend Franken. Inbegriffen sind nicht nur bis zu 25 Arbeitsstunden und echter Goldfaden. Inbegriffen ist auch das einfühlsame Erkunden geheimer Wünsche und Erwartungen der Trägerin: "Ich kann gut mitgehen mit Fantasien." Bevorzugt die Kundin jedoch ein neutrales Verkaufsgespräch – auch gut.

Hin und wieder sollen die Schnürungen, Strapse und Maschen einen untreuen Mann zurückholen. Oder dem übervertrauten Sex neuen Schwung verleihen. "Abnehmende Sexualität in einer längeren Partnerschaft hat nichts mit dem Alter der Partner zu tun", sagt Beata Sievi. "Es ist das Alter der Beziehung." Doch paartherapeutische Maßnahmen sind bei ihr die Ausnahme. Die meisten Kundinnen stehen ebenso fest im Leben wie zum eigenen Körper und bestellen das frivole Stück für sich selbst – besonders gern zum 50. oder 60. Geburtstag. Fülligere Formen sind für Beata Sievi kein Problem: "Ich setze mich mit jeder Figur auseinander." Selbst ein Taillenumfang von 100 Zentimetern schreckt sie nicht. Ja, solche Maße seien oft dankbarer als ein gertenschlanker Körper, "bei dem man nichts mehr schnüren kann".

Am häufigsten freilich erscheinen gestandene, gut situierte Paare in ihrem Atelier – verständlich angesichts ihrer Preise. Dann erlebt sie, sagt sie, immer wieder die gleiche Szene. Der Mann kann seine Augen nicht vom knallroten, knappen Modell lassen. Und die Frau sagt: "Bitte ganz, ganz schlicht und schwarz." Dann fühlt Beata Sievi ganz mit dem Mann, "der enttäuscht danebensitzt und nicht zu widersprechen wagt". Und sieht einmal mehr ihre Überzeugung bestätigt: "Nur wenige Frauen haben so viel Selbstbewusstsein, um wirklich im Mittelpunkt stehen zu können."

Inzwischen reist ihre Kundschaft selbst aus Hamburg und Brüssel an. Denn Corsetièren sind in Europa so selten geworden wie Gaslaternen-Anzünder, und Nachwuchs gibt’s kaum. Kein Wunder. Das Hantieren mit den Werk- und Wirkstoffen bedeutet körperliche Schwerarbeit. Beata Sievi zeigt ihren rechten Oberarm. Hier holte sie sich beim Zuschneiden der Stäbe einen Sehnenriss.

Wie kommt eine anständige Frau zu diesem Beruf? Auf Umwegen. Schon als Mädchen sehnte sich Beata Sievi nach jenem Glanz und jener Gloria, die im damaligen Polen als westlich dekadent galten. "Modisch herrschte bei uns Militärgrün." Erst in Bibliotheken wurde sie fündig: geraffte Röcke, die in Stoffkaskaden zu Boden fielen, und Corsagen, die den Körper eng umschlossen. Die frühesten Modelle um 1600 drückten die Brust zur flachen konischen Form. Später wurde der Busen gehoben, der nun alabasterweiß zu schimmern hatte. Und um 1850 schließlich setzte sich die Sanduhrform durch, die bis heute in der Brautmode und im Bierzelt triumphiert. Jede bayerisch-österreichische Bedienung weiß: Je höher geschoben, je enger geschnürt, je sichtbarer das Grübchen, desto üppiger das Trinkgeld.

Nach dem Psychologiestudium in Warschau führte Beata Sievis beruflicher Zickzackkurs zum Praktikum in eine Schweizer Psychiatrieklinik und, nach einer ersten Heirat, zur Couture-Lehre am Zürcher Theater Neumarkt. 1999 machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf: Sie eröffnete in Winterthur ihr eigenes Korsett-Atelier Entre nous.