Kapitel 1: Hundert Kilo Gold

Das Berliner Bode-Museum ist eines der Wahrzeichen der Hauptstadt. Wie ein steingewordener Ozeandampfer teilt es die Spree, der mächtige Bau auf der Museumsinsel beherbergt die Skulpturensammlung, das Museum für Byzantinische Kunst und das Münzkabinett. Der Eintritt kostet zwölf Euro. Montags hat das Bode-Museum geschlossen. Nachts natürlich auch.

Die drei Besucher, die in der Nacht auf den 27. März 2017, einen Montag, das Bode-Museum aufsuchen, stört das nicht. Sie kommen auch nicht durch den Haupteingang.

Stattdessen steigen sie um drei Uhr morgens die Treppen des S-Bahnhofs Hackescher Markt hinauf, alle drei schwarz gekleidet, die Kapuzen ins Gesicht gezogen, das werden später die Videos der Überwachungskamera zeigen. Um diese Zeit fahren keine Züge, die Männer laufen bis ans Ende des Bahnsteigs. Von dort springen sie auf das Gleisbett.

Sie laufen die Schienen entlang über die nachtschwarze Spree bis auf die Museumsinsel. Dort legen sie eine Leiter an und steigen hinauf zu einem Fenster an der Fassade des Bode-Museums.

Ihr Ziel ist ein sagenhafter Schatz: eine Münze, fast so groß wie ein Autoreifen, 100 Kilogramm schwer, aus dem reinsten Gold, das es auf der Welt gibt. Feingehalt: 999,99/1000.

Die Münze heißt Big Maple Leaf, großes Ahornblatt, das Königlich Kanadische Münzamt in Ottawa hat sie im Jahr 2007 nicht geprägt, das war technisch unmöglich, sondern gefräst. Es gibt diese riesige Münze weltweit nur sechs Mal. Ein Exemplar steht als Leihgabe im Bode-Museum in einer Vitrine aus Panzerglas. Noch.

Die Männer öffnen das Fenster, es gehört zu einem Umkleideraum für das Personal. Alles bleibt still. Das Fenster ist das einzige, das nicht an den äußeren Alarmkreislauf des Museums angeschlossen ist. Genau das wissen die Täter möglicherweise. Die Ermittler vermuten, dass sie einen Tippgeber hatten, einen Mann namens Dennis W., der als Aufseher im Museum arbeitet. Auf seinem Handy findet die Polizei später Selfies aus dem Inneren des Gebäudes, wo das Fotografieren streng verboten ist. Die Bilder zeigen den Weg, den die Einbrecher nehmen müssen.

Der Nachtwächter macht gerade seinen Kontrollgang durch die unteren Geschosse des Museums, als oben im zweiten Stock die Eindringlinge durch die Flure laufen, vorbei an einer Bacchus-Skulptur aus Marmor und an Ölgemälden, die Friedrich den Großen als griechischen Heroen zeigen. Dann erreichen sie die Riesenmünze. Mit einer Axt, Modell Tomahawk, schlagen sie auf die Vitrine ein. Nicht nur das Glas bricht, sondern auch der Stiel der Axt.

Die Männer wuchten die Münze auf einen sogenannten Transporthund, ein Brett mit Rollen, und schieben sie durch die Gänge zurück zu dem Fenster, durch das sie eingestiegen sind. Von dort landet die Münze im Gleisbett, wo die Polizei später Goldspuren finden wird. Dann schaffen sie ihre Beute mit einer Schubkarre in Richtung der S-Bahn-Station.

Kurz bevor sie den Bahnsteig erreichen, lassen die Männer die Münze von der Schienentrasse in den darunter liegenden Monbijou-Park fallen und klettern hinterher. Um 3.52 Uhr erfasst die Überwachungskamera einer Baustelle ein wegfahrendes Auto.

Man kann die Täter Banausen nennen, sie lassen die wichtigen kulturellen Schätze der Bode-Sammlung, den aus Holz geschnitzten Evangelisten Lukas von Tilman Riemenschneider oder den aus Marmor geschlagenen barocken Satyr mit Panther von Pietro Bernini, stehen und stehlen stattdessen ein simples Goldstück, das einem Wunschtraum Dagobert Ducks zu entstammen scheint.

Das Bode-Museum in Berlin-Mitte © Paul Zinken/dpa

Allerdings ließe sich eine berühmte Skulptur schwer zu Geld machen, jeder Kunsthändler wüsste ja, dass sie aus dem Bode-Museum stammt, also gestohlen wurde. Die Münze dagegen muss man nur zu Barren schmelzen. Materialwert: 3,75 Millionen Euro. Deshalb kann man die Täter auch als clevere Geschäftsleute bezeichnen.

Oder einfach als Kriminelle.

Darum wird es gehen in diesem Dossier: um Menschen, denen Geld mehr gilt als das Gesetz. Und die alle miteinander verwandt sind.

Am 12. Juli 2017, dreieinhalb Monate nach der Tat, durchsuchen 300 Polizisten von sechs Uhr morgens an 14 Gebäude in ganz Berlin. Sie nehmen mehrere Männer fest, alle auffallend jung, beschlagnahmen mehrere scharfe Schusswaffen, außerdem einen niedrigen sechsstelligen Euro-Betrag und fünf Autos. Die Münze finden die Beamten nicht. Nur winzige Goldspuren werden später in zwei Autos und an der Kleidung eines der Verhafteten festgestellt.

Vier Männer gelten der Berliner Staatsanwaltschaft aktuell als tatverdächtig. Die Anklageschrift ist noch nicht fertig. Aber nach Informationen der ZEIT handelt es sich um:

Dennis W.

Ahmad R.

Wayci R.

Wissam R.

Alle vier sind Berliner. Drei von ihnen tragen denselben Nachnamen: zwei Brüder und ihr Cousin. Sie sind Angehörige einer Großfamilie mit Wurzeln im Libanon und noch älteren Wurzeln in der heutigen Türkei. Es ist eine jener Familien, denen Ermittler, Politiker und Medien gerne den Begriff "Clan" anheften.

Es gibt mehrere solche Clans in Berlin: die A.s, die O.s, die N.s, die S.s. Sie alle werden mit Straftaten in Verbindung gebracht. Aber kein Clan steht derzeit so sehr im Fokus der Ermittler wie die Familie R., deren Namen die ZEIT aus juristischen Gründen nicht ausschreibt, auch um nicht die gesamte Familie zu diskreditieren.

Einige der spektakulärsten in Berlin begangenen Verbrechen der vergangenen Jahre werden Angehörigen dieser Familie angelastet. Neben dem Einbruch ins Bode-Museum zählen dazu ein Mord am helllichten Tag und ein Bankraub mit Millionenbeute. Dazu kommen wohl Hunderte banaler Diebstähle: Kaffeemaschinen, Matratzen, Kameras, Sofagarnituren, Handtaschen. Es gibt minderjährige Angehörige dieses Clans, die schon Dutzende Straftaten begangen haben. Neun gelten als Intensivtäter.

Was ist das für eine Familie?

Und wie soll, wie kann der Rechtsstaat ihr begegnen?