Als Bernd Osterloh am Morgen des 5. Februar das Büro von Matthias Müller betritt, hat sein Gegenüber gerade das beste Jahr der Volkswagengeschichte verantwortet. Unter dem Vorstandsvorsitzenden Müller hat der Konzern mehr Autos verkauft als jeder andere Autobauer der Welt und damit über elf Milliarden Euro Gewinn gemacht. Doch das hilft Müller nicht. Am Ende dieser Unterredung, so erzählen es Vertraute der beiden, verlässt Osterloh mit hochrotem Kopf das Büro und lässt den Chef mit den Worten sitzen: "Auf dem Niveau brauchen wir nicht weiterzudiskutieren." Es geht um einen Urlaubstag, den Müller der Belegschaft streichen möchte. Osterloh hatte das öffentlich "asozial" genannt, Müller wollte sich das nicht bieten lassen.

Neun Wochen später ist Müller als Konzernchef Geschichte, woran dieser Tag wie auch andere Auseinandersetzungen der beiden Männer großen Anteil haben. Müller war zwar Chef, und seine Entlohnung lag zuletzt bei gut zehn Millionen Euro im Jahr, über 70-mal so viel wie jene Osterlohs. Doch Osterloh wollte Müller loswerden, und gegen den Mann, der seit 2005 dem Betriebsrat vorsitzt, kann niemand Volkswagen-Chef bleiben.

Bernd Osterloh gibt sich gar nicht erst die Mühe, seine Macht in diesem Weltkonzern mit 640.000 Beschäftigten kleinzureden. Er sagt: "Das wäre ja schlimm, wenn ich den Einfluss, den mir die Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Stimme geben, nicht ausüben würde." Dieser Satz und seine Konsequenzen werfen zwei Fragen auf: Wie konnte Bernd Osterloh, der vor über 40 Jahren nach dem Hauptschulabschluss als Bandarbeiter an der Montagelinie des Golf I bei VW anfing, so mächtig werden? Und wie gelingt es dem Arbeiterführer nur, diese Macht im an Skandalen reichen Volkswagen-Konzern zu behalten?

Der 61-jährige Osterloh hat sie alle überlebt, seit er Betriebsratschef ist. Den langjährigen Patriarchen Ferdinand Piëch, den Autokraten Martin Winterkorn, den glücklosen Reformer Matthias Müller und selbstredend auch Audi-Chef Rupert Stadler, der seit acht Jahren auch Vorstand bei Volkswagen war und nun Untersuchungshäftling in Augsburg ist.

Bernd Osterloh ist der last man standing bei VW.

Die ZEIT hat Osterloh im vergangenen halben Jahr begleitet. In diesem Halbjahr betrieb Osterloh nicht nur den Sturz von Konzernchef Müller. Er sorgte auch für die Entlassung von Personalvorstand Karlheinz Blessing, sodass sein eigener Pressesprecher nachrückte. In Dutzenden Gesprächen mit aktiven und ehemaligen Topmanagern und Konzernvorständen, mit Weggefährten, Freunden, Aufsichtsräten und Gewerkschaftern wird klar: Osterloh ist einer der mächtigsten Männer der deutschen Industrie. Bernd Osterloh helfen dabei die deutschen Gesetze zur Mitbestimmung, die den Arbeitnehmern der Metallindustrie enorme Mitspracherechte einräumen. Ihm hilft die VW-Beteiligung des Landes Niedersachsen, das seit Jahrzehnten zu den Arbeitnehmern hält. Und ihm hilft sein Talent: Osterloh weiß seine Stellung für sich zu nutzen wie keiner vor ihm.

Ein Topmanager des Konzerns sagt: "In der VW-Welt ist derjenige mächtig, der die besten Informationen hat. Und kaum jemand hat bessere Zugänge als Osterloh." Ein ehemaliger einflussreicher Aufsichtsrat sieht das ähnlich: "Er weiß, was die Arbeiter am Band denken und was die Vorstände gerade planen. Da kann ihm keiner das Wasser reichen." Während Betriebsräte in anderen Unternehmen darüber diskutieren wollen, welche Homeoffice-Regelung nun kommt, hagelte es bei Osterlohs regelmäßigen Besuchen in Müllers Büro Fragen zum Geschäft. Zum Beispiel: "Die Batteriezellen von Porsche und Audi sind sieben Millimeter breiter als die von Volkswagen. Was soll das?" Wegen der riesigen Stückzahl kosteten Millimeter schließlich Millionen. So treibt er den Vorstand vor sich her.

Wolfgang Porsche hat als Sprecher der Eigentümerfamilie Osterlohs Rollenverständnis einmal so beschrieben: In Wolfsburg wackele bisweilen der Schwanz mit dem Hund. Osterloh schafft es mit seinen klaren Ansagen auf die Seite eins des Handelsblatts. Direkt vor der Hauptversammlung Anfang Mai stand dort zu lesen: "Osterloh fordert mehr Effizienz." Ein Betriebsratschef kann so reden, er ist praktisch nicht kündbar. Er ist aber auch ein Politiker, der Mehrheiten finden muss, um Betriebsrat bleiben zu dürfen. Dass Osterloh das schon so lange gelingt, liegt auch daran, dass er zwar machthungrig ist, dass bei ihm die Macht aber nicht mit dem Wunsch einhergeht, im Milieu der Mächtigen zu leben.