Mit der neuen Büchnerpreisträgerin Terézia Mora wird ein originelles, höchst gegenwärtiges Werk von europäischem Glanz und Zuschnitt geehrt. Die 46-jährige Terézia Mora mag seit langer Zeit in Berlin-Prenzlauer Berg leben, ihre Herkunft und ihr Schreiben sind geprägt von den Rändern Europas. Geboren wurde die deutsch-ungarische Autorin an der österreichischen Grenze, in einem Dorf nahe Sopron, wo sie als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit zweisprachig aufwuchs. "Der Schock, in einem menschenfeindlichen System zu leben", sagt sie über sich, habe eine literarische und existenzielle Gegenwehr notwendig gemacht. In ihrem ersten Buch Seltsame Materie (1999) erzählte sie, ähnlich streng und suggestiv wie die rumäniendeutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, von Brutalität und Gewalt, Alkoholismus und Verrohung im katholisch-kommunistischen Kosmos ihrer Kindheit.

Der Umzug nach Ostberlin nach der Wende brachte das bedrückende Lebensgefühl Terézia Moras, überall und immer "falsch zu sein", nicht zum Verschwinden. Doch spielt die seelische Verkümmerung, die ihr Lebensthema ist, seither auf internationaler Bühne. Die beiden Romane über den IT-Autisten und Salesmanager Darius Kopp und dessen zartfühlende ungarische Gattin Flora, Der einzige Mann auf dem Kontinent (2009) und Das Ungeheuer (2013), zeigen Moras immenses satirisches, an ihrem Meister Péter Esterházy geschultes Vermögen, raffiniert und burschikos zugleich zu sein. Mit dem sich durchs Leben klickenden 100-Kilo-Mann Darius Kopp hat Terézia Mora eine unvergessliche Portalsfigur der Nullerjahre geschaffen. Im zweiten, 2013 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Band reist der Held der New Economy mit der Asche seiner verstorbenen Frau im Gepäck durch Südeuropa. Das Buch hat zwei Stimmen, aus denen die Zerrissenheit Europas spricht. Oben quatscht der besinnungslose Salesmanagerismus des Herrn Kopp die Welt in Grund und Boden, unterm Strich erzählt das Tagebuch der Gattin von ihrer traumatischen kommunistischen Vergangenheit. Eine Fortsetzung ist angekündigt.

Eine Autorin, die derart spielerisch und gekonnt historische Echoräume eröffnet und europäische Verlustgefühle intoniert, ist eine ausgezeichnete Wahl für den höchsten deutschen Literaturpreis.