Eigentlich dachte man, der Tiefpunkt der politischen Auseinandersetzung sei erreicht gewesen, als Sigmar Gabriel den von ihm selbst ernannten Kanzlerkandidaten Martin Schulz als "Mann mit Haaren im Gesicht" abqualifizierte und die SPD sich heillos zerstritt wegen der verlorenen Bundestagswahl.

Nun weiß man: Es geht noch tiefer. Und schlimmer. Denn diesmal fand die Zerrüttung nicht unter Wahlverlierern statt, sondern im Zentrum der Regierung, im bürgerlichsten Teil.

Knapp 30 Minuten nehmen sich Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer am Dienstag dieser Woche Zeit, um den eigenen Leuten zu erklären, was genau jetzt eigentlich anders laufen soll – an den Außengrenzen des Landes, innerhalb Europas und: zwischen den zerstrittenen Schwesterparteien CDU und CSU. Im Sitzungssaal der Unionsfraktion im Reichstag stehen sie vor den Abgeordneten, ein wenig derangiert wirkend nach zwei langen Verhandlungsnächten.

In dieser halben Stunde wird endgültig klar, dass die ehemalige Flüchtlingskanzlerin Angela Merkel eine weitere Wende in ihrer an Wenden reichen politischen Karriere vollzogen hat: Deutschland schottet sich ab. Europa schottet sich ab. Denn bereits registrierte Asylsuchende sollen künftig an der Einreise nach Deutschland gehindert werden können, grenznahe Transitzentren, wie es sie auch an Flughäfen gibt, würden es möglich machen. Dort könnten dann Asylbewerber festgehalten werden, wenn sie aus sicheren Herkunftsländern kommen. Ihr Asylantrag würde noch an Ort und Stelle geprüft. Bei einer Ablehnung sollen sie, so der Plan, direkt in die zuständigen Länder zurückgewiesen werden. Ob diese Länder da aber mitmachen, darf bezweifelt werden.

Als Merkel den Plan im kleinen Kreis vorstellte, fragt eine CDU-Abgeordnete zögernd, ob man in den Transitzentren nicht auch Spielplätze vorsehen könne? Damit die ganze Angelegenheit nicht so "abschreckend" wirke wie die Lager an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in denen Donald Trump Kinder illegaler Einwanderer festhalte.

Auch darum geht es nun: Einer hässlichen Entscheidung wenigstens einen halbwegs erträglichen Anstrich zu verpassen.

Der Kompromiss im sogenannten Asylstreit, basierend auf der "Fiktion der Nichteinreise", zahlreichen anderen Widersprüchen und noch mehr politisch ungedeckten Schecks, soll signalisieren: Nun kehrt endlich wieder Ruhe ein. Doch so instabil der Kompromiss an sich ist, so hohl wirkt die Koalition, die sich noch einmal aus dem selbst verursachten Schlamassel gezogen hat.

Ruhe? Ja, erst mal, schließlich ist nun Sommerpause. Stabilität? Wohl kaum. Gesichtswahrung ist ja oft mit Selbstbetrug verbunden. Aber so?

Der Kanzlerin sei, so sagt ihr Kanzleramtsminister Helge Braun, das Steuern und Ordnen der Migration immer schon ein Anliegen gewesen. Eine "Asylwende", wie CSU-Generalsekretär Markus Blume konstatiert, mag man im Kanzleramt nicht erkennen. Dass Merkel mit den Zurückweisungen gutheißt, was sie noch vor drei Wochen abgelehnt hat, soll eine optische Täuschung sein. Und die Transitzentren an der deutsch-österreichischen Grenze: Werden sie nach außen offen sein oder geschlossen (was die SPD ablehnt)? Auch dafür findet Kanzleramtschef Braun eine pragmatische Lösung: Offen natürlich – nach Österreich. Er meint das ernst.