Die Heldin dieses Films macht sich gleich doppelt strafbar im Havanna des Jahres 1994. Sie hält zum einen fünf Küken, was gegen die gesetzlichen Bestimmungen verstößt, denen zufolge Kleinvieh der staatlichen Nahrungsmittelversorgung zuzuführen ist. Zum anderen stiehlt Candelaria eine Videokamera, die versehentlich in der Wäscherei des Hotels gelandet ist, in der sie mit ihren 75 Jahren immer noch arbeitet. Denn es herrscht Not im Land, sogar Hunger als Folge des Wirtschaftsboykotts gegen Kuba.

Eine flackernde und bald verlöschende nackte Glühbirne genügt in dem Film Candelaria des Kolumbianers Jhonny Hendrix Hinestroza, um zu verdeutlichen, wie prekär die Lebensumstände sind. Wieder einmal gibt es eine Stromsperre, doch Candelaria und ihr Ehemann Victor, der schwarz mit Zigarren handelt, ergeben sich nicht den Misslichkeiten des Alltags, auch wenn diese unendlich viel Kraft kosten, und eben das, ihre Standhaftigkeit, macht zu einem Gutteil den Zauber dieser schönen Regiearbeit aus.

Den Kuba-Bildern von Hinestroza geht jeglicher warmer Zuckerrohrton ab. Vielmehr liegt Havanna hier wie ein gestrandeter Wal vor den Augen des alten Ehepaars und der Zuschauer: weiß, wie gelähmt, dennoch ergreifend (Kamera: Soledad Rodriguez). Dass fragmentarische Berichte über politische Proteste den Handlungshintergrund punktieren, aber nie die Oberhand gewinnen über die hinreißende Liebesgeschichte, die hier erzählt wird – auch darin liegt ein Element von Freiheit.

Der Verbundenheit des alten Paars haftet von Beginn an ein poetisches, spielerisches Element an, das durch den Einsatz der gefundenen Videokamera schließlich Autorität gewinnt: Zunächst filmt Victor (Alden Knigth) seine Frau heimlich durch einen Türspalt – wie sie sich etwa nach dem Bad mit einem Handtuch um den Körper auf dem Ehebett ausstreckt. Bald kokettiert sie mit der Kamera, und wenn ihr Blick auf die Aufnahmen, also den Blick ihres Mannes auf sie selbst fällt, ist das wie ein kleiner, hintergründiger Exkurs über das Sehen und Wahrgenommenwerden.

Schon spricht Victor von einem "Konzept": Mit ihm als "Regisseur" und ihr als "Schauspielerin" stellen die beiden ihr Leben so dar, wie es ist und gelebt werden will, physische Phänomene, auch Sex inbegriffen. Besonders dem gealterten, schlecht ernährten und später von Krankheit gezeichneten Körper der Hauptdarstellerin Verónica Lynn gilt der Respekt des Regisseurs. Sie verfügt noch im ausgeleierten Büstenhalter mühelos über den Charme dreier Zwanzigjähriger. Als Victor seine Uhr versetzt, um vom Erlös endlich mal ein ordentliches Essen zu kaufen, tun die beiden so, als dinierten sie in einem Luxusrestaurant. Dass einzig das Sein das Bewusstsein bestimmt, lassen diese beiden Alten nicht zu.

So geht es, bis Victor die Kamera eines Tages gestohlen wird. Verzweifelt angesichts der Vorstellung, zu verlieren, was das Spielerische in ihr Leben zurückgebracht hat, sucht Victor einen Hehler im Zentrum Havannas auf. Zwischen Momentaufnahmen der kubanischen Gesellschaft und den Improvisationen von Victors Film im Film entfaltet sich die ganze Macht einer Poesie, die auf dem Boden der Überhöhung des Subjekts und der Überwindung der Realität gedeihen kann. Mit Kuba verhält es sich am Ende wie mit der Liebe: "Eigentlich ist es komplett im Eimer", sagt Victor, "aber zu Fall bringt es keiner."