DIE ZEIT: Frau Neumann, Sie haben am Montag ihr letztes Spiel bei der Weltmeisterschaft in Russland kommentiert, das 3 : 2 der Belgier gegen Japan. Konnten Sie schnell abschalten?

Claudia Neumann: Nein. Denn das war das beste und interessanteste Spiel, das ich in Russland kommentieren durfte. Mein Körper schüttete Adrenalin aus bis zum Anschlag. Das nimmt einen schon mit, mein Redakteur und ich waren danach komplett platt. Es prasseln so viele Signale und Reize gleichzeitig auf uns ein, das ist nicht vergleichbar mit Fußballgucken auf dem Sofa. Aber ich war trotzdem dankbar, dass es nicht in die Verlängerung ging. Ich hatte nämlich ganz schön Druck auf der Blase.

ZEIT: Sie sind die erste weibliche Live-Kommentatorin des ZDF bei einer Fußballweltmeisterschaft. Was reizt Sie an diesem von Männern dominierten Job?

Neumann: Manche Menschen denken ja, ich sei wie Kai aus der Kiste gekommen. Aber das stimmt nicht. Ich arbeite schließlich schon sehr lange als Fußballreporterin, seit 1991.

ZEIT: Aber nicht auf einer so exponierten Position unter Beobachtung eines Millionenpublikums.

Neumann: Das vielleicht nicht. Aber das Kommentieren war einfach eine logische Folge innerhalb meiner Lebensgeschichte. Ich habe mich nicht darum beworben. Ich bin überhaupt kein Karrieremensch, habe mich durchgewurschtelt oder war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Fleck.

ZEIT: Ist das jetzt eine Form der den Frauen oft zugeschriebenen Bescheidenheit?

Neumann: Ich glaube nicht, dass Bescheidenheit frauentypisch ist. Genauso wenig wie Selbstzweifel. Ich kenne viele Männer – selbst beim Fernsehen –, die genauso sind. Moderation, Berühmtwerden, all das hat mich einfach null interessiert. Ich habe als Kind mit Jungen Fußball gespielt, was heute nichts Besonderes mehr ist. Und so wurde Fußball einfach die Sportart, von der ich am meisten verstand und verstehe.

ZEIT: Die ersten Erfahrungen als Kommentatorin haben Sie im Frauenfußball gesammelt.

Neumann: Was schwieriger war.

ZEIT: Warum das denn?

Neumann: Weil ich erst mal lernen musste, ein Frauenfußballspiel einzuschätzen. Es wäre ja total ungerecht, eine Männerpartie als Maßstab zu nehmen. Ich habe mir also zig Spiele der Frauen angeschaut, um das journalistisch besser einordnen zu können. Das war Anfang der Nullerjahre. Irgendwann kam dann mein Chef und fragte mich: Willst du nicht mal einen Live-Kommentar bei den Männern probieren? Das ist nun mal die Königsdisziplin in der TV-Berichterstattung. Da habe ich mich dann peu à peu – ohne irgendeine große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – entwickelt. Durch die Decke ist das erst geschossen, als ich bei der Europameisterschaft 2016 kommentiert habe.

ZEIT: Sie sagen, für Sie sei die Kommentierung von Männerfußball nichts Besonderes. Sie scheinen manchen männlichen Fernsehzuschauern jedoch als eine Art Außerirdische vorzukommen. Lassen Sie uns einen Kommentar aus dem Netz wiedergeben: "Jawoll, Donnerfotze Claudia Neumann versaut mir jetzt auch noch das Kolumbien-Spiel."

Neumann: Vielleicht brauchen Männer ihre kleine Oase des Rückzugs, in der man sie Kind sein lässt.

ZEIT: Offensichtlich verpuffen all die Debatten über übergriffiges Verhalten, Sexismus und #MeToo, sobald es um Fußball geht.

Neumann: Gewissen Menschen scheint zumindest jegliche Form des Anstands abhandengekommen zu sein. Jedes Anderssein geht ihnen gegen den Strich.

ZEIT: Sie meinen, es geht in Wahrheit gar nicht um die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, sondern um das Unbekannte, das als Angriff gesehen wird?

Neumann: So ist es. Ob es weibliche Kommentatoren sind oder homosexuelle Spieler, Fußballer mit Migrationshintergrund – manche Menschen scheinen nicht akzeptieren zu wollen, dass ihnen das Altbekannte abhandenkommt.

"Ich bin keine Feministin"

ZEIT: Alles, was abseits dessen ist, was diese Menschen bis dato erlebt haben, überfordert sie?

Neumann: Ihnen fehlt anscheinend die Fantasie, sich auszumalen, welche Chance es für die Gesellschaft bedeuten könnte, dass Frauen Fußballspiele kommentieren.

ZEIT: Die Fantasie.

Neumann: Manchmal glaube ich, diese Hetzer denken: Niemand hat mich gefragt, ob ich eine Frauenstimme 90 Minuten lang im Fußball hören will. Da kann ich nur erwidern: Die bessere Frage ist, wie du dich selbst im Leben siehst und wie du aufgestellt bist. Deshalb finde ich ja, je exponierter wir nun mit dem Thema umgehen, desto schneller wird es zur Normalität.

ZEIT: Sie glauben, der Fußball ist aufgrund seiner Aufmerksamkeit der perfekte Beschleuniger für gesellschaftliche Veränderungen?

Neumann: Ja, absolut.

ZEIT: Nun sind Sie also eine Vorreiterin für Frauenrechte.

Neumann: Nein, ich bin keine Feministin und will mich nicht in eine solche Rolle drängen lassen.

ZEIT: Warum wehren Sie sich dagegen?

Neumann: Weil eine solche Rolle mir nicht entspräche. Genauso wie sich meine berufliche Laufbahn einfach entwickelt hat, ohne dass ich das bewusst gesteuert hätte, so ist es auch mit dieser Auseinandersetzung.

ZEIT: Sie meinen, sie findet quasi ohne Ihr Zutun statt? Machen Sie sich da nicht etwas vor?

Neumann: Ich freue mich über jede Frau, die mir als Kommentatorin folgt. Und ich kenne genug Frauen, die Ahnung von Fußball haben. Aber die Lust muss von ihnen ausgehen, zu solch einem Job kann man keinen überreden. Man kann erst recht niemanden protegieren. Obwohl ich ehrlich gesagt nach den Auseinandersetzungen während der EM 2016 schon akzeptiert habe, dass ich auf eine gewisse Weise nun doch eine Rolle einnehmen muss. Deshalb gebe ich Ihnen ja nun auch dieses Interview.

ZEIT: Was genau meinen Sie damit?

Neumann: Ich übernehme einen Teil Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich. Bitte nicht falsch verstehen: Ich will das nicht überhöhen. Ich werde für unfassbar viele Dinge angefragt, Podiumsdiskussionen, bei denen es um Frauenförderung oder um Minderheiten geht. Ich habe lange drüber nachgedacht, ob ich das grundsätzlich machen soll. Irgendwann bin ich dann – fast etwas widerwillig – darauf eingegangen und habe gedacht: Okay, das soll wohl so sein.

ZEIT: Können Sie eigentlich nachvollziehen, dass manche Zuschauer ein Spiel lieber von einem Mann als einer Frau kommentiert haben wollen?

Neumann: Natürlich. Das ist doch auch ihr gutes Recht. Es gibt auch Frauen, die lieber Béla Réthy zuhören als mir. Das ärgert mich nicht. Solange die Kritik nicht persönlich wird, soll auch jeder seinen Unmut äußern. Ich denke dann: Schaltet doch einfach den Ton aus, wenn es euch stört.

ZEIT: Haben Sie sich vor der WM darauf vorbereitet, dass Sie attackiert werden könnten?

Neumann: Überrascht hat mich das nicht. Ich kannte das ja schon von der EM. Auch damals ahnten wir in der Redaktion, worauf die Entscheidung, mich kommentieren zu lassen, hinauslaufen könnte. Allerdings eher unterbewusst. Meinen damaligen Sportchef berührte das mehr als mich. Das fand ich total rührend. Vor der WM hat sich dann mein jetziger Chef mit seinen Kollegen und der Chefredaktion eine Strategie überlegt, wie wir auf einen möglichen Shitstorm reagieren würden.

"Ich knicke doch nicht vor diesen Leuten ein"

ZEIT: Das Social-Media-Team bei Ihrem Sender wurde aufgestockt.

Neumann: Mir wurde nur gesagt, dass wir gewappnet sind. Ich will das dann auch gar nicht im Detail wissen. Ich habe meinen Chefs gesagt: Ihr macht das schon, ich fahre jetzt mal nach Russland und kümmere mich um meinen Teil.

ZEIT: Das ZDF hat wegen der Angriffe im Internet Strafanzeige gegen zwei Nutzer gestellt, die sich auf Social Media Ihnen gegenüber extrem abfällig geäußert, Sie beleidigt und öffentlich zu Straftaten aufgefordert haben.

Neumann: Es ist schade, dass es so weit kommen musste. Ich habe den Eindruck, dass die Kollegen beim ZDF sehr genau wissen, was sie tun, und spüre insgesamt große Rückendeckung in dieser leidigen Angelegenheit.

ZEIT: Was machen die Beleidigungen mit Ihnen?

Neumann: Ich versuche mich nicht damit zu beschäftigen.

ZEIT: Obwohl Sie in diesem Zusammenhang mit Ihrem Gesicht auf der ersten Seite der Bild- Zeitung erschienen sind? Das schaffen Sie?

Neumann: Zumindest war ich nicht auf Twitter unterwegs. Das würde zu viel Kraft kosten. Es geht bei der Kritik ja nicht um mich als Person, sondern darum, dass sich Frauen erdreisten, in exponierten Positionen im Fußball aufzutauchen. Die Hetzer kennen mich ja nicht. Ich lese so etwas übrigens auch nicht gerne über andere Menschen. Ich finde das einfach grauenvoll. Diese Art von Kommunikation und falschem Demokratieverständnis, die sich durch die sozialen Medien frisst, ist grauenvoll. Man kann den Menschen nur immer wieder zurufen: Geht länger zur Schule. Bildet euch weiter, erweitert euren Bewusstseinshorizont, dann lernt man auch andere Haltungen zu tolerieren. Ohne da irgendjemandem zu nahe treten zu wollen: Aber das ist einfach nicht meine Welt. Und auch kein Claudia-Neumann-Problem, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

ZEIT: Sie standen während des Turniers unter enormem Leistungsdruck. Jeder falsch ausgesprochene Name eines Spielers hätte wieder neue Kritik auslösen können. Haben Sie die komplizierten Namen nun lieber weggelassen?

Neumann: Ich knicke doch nicht vor diesen Leuten ein. Wenn ich für mich bei den ersten Live-Spielen erkannt hätte, ich kriege das nicht hin, das Kommentieren stresst mich zu sehr, wenn ich vor Aufregung hyperventilieren würde, dann hätte ich sofort wieder aufgehört – unabhängig von den Kommentaren im Netz. Sonst würde mir das ja einen großen Teil meiner Lebensqualität rauben. Aber: Es hat mir einfach von Anfang an Spaß gemacht. Glauben Sie mir, keiner von uns denkt nach dem Spiel: Das hast du aber heute wieder perfekt hingekriegt. Ich schon gar nicht. Ich überlege immer, was noch besser geht.

ZEIT: Gibt es etwas, was Sie für sich ganz persönlich gelernt haben in diesen vergangenen Wochen?

Neumann: Nicht in den vergangenen Wochen, sondern schon seit dem Beginn der Kritik bei der EM 2016. Ich überlege mir nun zweimal, mit welchen Worten und mit welcher Wucht ich einen Spieler oder Trainer oder Manager kritisiere, weil ich nun weiß, wie tief das gehen kann. Vor allem dann, wenn es nicht gerechtfertigt ist.