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Cornelius Bischoff hat viel zur Annäherung zwischen Deutschland und der Türkei beigetragen. Yaşar Kemal, der große anatolische Schriftsteller, nannte ihn einmal "den deutschesten Türken, den türkischsten Deutschen". Letzte Woche ist Bischoff verstorben.

Sein Vater war SPD-Mitglied und Gewerkschafter, seine Mutter eine Istanbuler Jüdin. Die Nazis entzogen der Familie 1939 die Pässe, sie flohen mit einem einzigen Koffer aus Deutschland über Paris in die Türkei. Istanbul wurde zur neuen Heimat.

Die befristete Aufenthaltsgenehmigung musste jedes Jahr verlängert werden, ständig lebten sie in der Angst, zurückgeschickt zu werden. Mit elf kam Cornelius ans Österreichische Lyzeum Istanbul, sein Vater eröffnete ein Möbelgeschäft.

Damals brauchte die junge türkische Republik gut ausgebildete Menschen und fand sie in den Wissenschaftlern, die aus Deutschland ins türkische Exil geflüchtet waren. Rund 500 von ihnen wurden an türkischen Universitäten tätig. Einer entwarf den Stadtplan für Ankara, ein anderer gründete das staatliche Konservatorium, andere führten Gesundheitsscreenings auf dem Land durch. Die "Renaissance der Türkei" hatte begonnen, und all diese Exilanten brachten Licht für Atatürks Aufklärungsreformen herbei. Nebenbei überlegten sie, wie ihr eigenes Land zu retten sei, und planten das Deutschland der Zukunft.

Die Türkei war damals zwar nicht in den Krieg eingetreten, unterstützte aber insgeheim die deutsche Rüstungsindustrie. Nach der Niederlage von Stalingrad brachen die Verbindungen allerdings ab, und die rund 1400 in der Türkei lebenden Deutschen wurden aufgefordert, das Land zu verlassen. Wer nicht ging, wurde in Anatolien interniert. Cornelius wurde mit seiner Familie ins anatolische Çorum verbannt. Jetzt war er "haymatloz".

Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, aber die Türkei vergaß er nie. Im Exil hatte er Türkisch gelernt, nun machte er sich daran, berühmte türkische Schriftsteller zu übersetzen und damit Brücken zwischen beiden Ländern zu bauen.

Seine Geschichte erfuhr ich von ihm persönlich bei den Vorarbeiten für einen Dokumentarfilm. Jetzt erlebe ich umgekehrt das, was Cornelius damals erlebt hat, und kann ihn viel besser verstehen. In unseren verlorenen Ausweisen lauert der Stempel unserer leidenden Heimatländer. Unsere neuen Ausweise sind unsere in zwei Sprachen gedruckten Bücher.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe