Am Ende bleibt, was am Anfang war: der Bund zwischen Frankreich und Deutschland. Immer inniger wird er beschworen. Wenn alle untreu werden, Britannien, Skandinavien, Italien ... – da möge die deutsch-französische Union Europa neu begründen. Mehr Einigkeit und Einheit in Legislative, Exekutive, Judikative, gemeinsame Institutionen, gemeinsame Repräsentation. Das sind so die neokarolingischen Visionen. Friedrich Lehne wäre begeistert.

Denn es gab einmal eine Zeit, Lehnes Zeit, da hoffte mancher auf ein europäisches Reich der Freiheit. Es war Ende des 18. Jahrhunderts, unmittelbar nach dem Fall der Bastille, in jenen Jahren der ungeheuren Möglichkeiten, als die Moderne begann und die ersten deutschen Grundgesetze entworfen wurden, natürlich nach Pariser Vorbild.

Damals gehörte ein großer Teil des deutschen Westens zur Französischen Republik. Die katholischen Theokratien am Rhein, die Gottesstaaten der Fürstbischöfe von Lüttich, von Köln, Trier, Mainz, waren nach der Zeitenwende von 1789 hinweggefegt worden: teils von den Untertanen selbst, teils von den Truppen des revolutionären Nachbarn. Viele Deutsche lebten seither unter Pariser Gesetzen, und etliche unternehmenslustige Bürger und Entrepreneurs, die sich zunächst noch ängstlich an den Krummstab, an das alte absolutistisch-merkantilistische System geklammert hatten, erkannten plötzlich die neuen Chancen, entdeckten nicht nur die Sicherheiten, die eine Verfassung bot, sondern auch die Freiheiten des Kapitalismus.

Das Leben und Schreiben des Friedrich Lehne spiegelt diese Ära in leuchtenden Farben. Der Freiheitspoet, der Journalist, Historiker und Archäologe gehört zu den vitalen Gestalten der frühen deutschen Demokratiegeschichte, die in Kaiser- und Nazi-Zeit so gründlich vergessen gemacht wurde – ein Defizit, unter dem Deutschlands politische Kultur bis heute leidet. Er gehört zu jener Generation von 89, der Generation der Hölderlin, Seume, Jean Paul, Rahel Varnhagen, Caroline Schlegel, Alexander von Humboldt, die seit einigen Jahren, da das Interesse an der Epoche wächst, politisch neu in den Fokus rückt. Friedrich Lehne ist gewiss keiner der großen Autoren, aber ein faszinierender Akteur und Zeuge seiner Zeit, so wie ihn der Stuttgarter Historiker Jörg Schweigard jetzt in einer fabelhaften Monografie illuminiert, die über ein Porträt hinaus eine Probe aus Lehnes Schriften bietet.

Mitten hinein führen sie, in die große Zeitenwende. Lodernde Freiheitslyrik, empfindsame Briefe, geharnischte Polemiken. Wilde 18 Jahre zählt der Mainzer Student, als in Paris die Menschen- und Bürgerrechte verkündet werden. Zur Welt kam er 1771 im rechtsrheinischen Städtchen Gernsheim, der Vater ein Amtmann, die Mutter ebenfalls aus bürgerlichem Haus. Das heiße Bemühen der beiden letzten Mainzer Kurfürsten, das gut katholisch verkümmerte Bildungswesen des Landes im aufgeklärt absolutistischen Stil aufzupäppeln, hat vor allem der Universität eine jähe Blüte beschert. Heinse, der Kunstkenner, und Soemmering, der Anatom, und Forster, der Weltumsegler, arbeiten hier. Lehne hört bei Andreas Joseph Hofmann, dem Philosophen, dem politischen Freigeist, und bei Niklas Vogt, dem Historiker, in dessen Vorlesungen auch ein heftig konservativer Kommilitone sitzt, Clemens von Metternich, der spätere Kerkermeister Europas.

Mit fiebriger Neugier verfolgen die jungen Leute (und etliche ihrer Lehrer) die Pariser Ereignisse. In der stillen Hoffnung, dass die "freien Franken" den Weg nach Mainz finden und das ganze Reich von der "Tyrannei" seiner Fürsten und Fürstlein befreien. Mit Pariser Pathos beschwört Lehne die "Mutter Freyheit", sie möge sich endlich Deutschland zuwenden: "Bringe Deine Franken-Söhne / Uns zum Bruderkusse mit!"

Als Frankreichs König Ludwig XVI. und seine Gemahlin Marie Antoinette am 21. Juni 1791 auf ihrer Flucht aus Paris verhaftet werden, erreicht die Meldung Mainz am folgenden Abend. Im Theater läuft noch die Vorstellung, während sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Zuschauerraum verbreitet. "Da erblickte man", notiert ein Beobachter, "vor Schreck erstarrte Menschen, todblasse Gesichter und die äußerste Verwirrung in den Logen, während das Parterre in lauten Jubel ausbrach."

Das Parterre und natürlich das "Paradies", die Galerie, der Stammplatz der Studenten, demonstrieren dann auch beste Willkommenskultur, als die "Franken-Söhne" tatsächlich in Mainz einrücken. Im Frühling 1792 hat der Krieg zwischen dem neuen Frankreich und dem alten Europa begonnen. Unter Preußens Kommando – wie immer in der deutschen Geschichte, wenn es gegen die Freiheit geht – fielen die Reichstruppen im Nachbarland ein, um der werdenden Demokratie den Garaus zu machen. Sie kamen bis Valmy in der Champagne, dann drehten die Franzosen den Spieß um. Am 21. Oktober sind sie in Mainz.

Der kurfürstliche Seelenhirt ist samt Mätressen aus der Stadt getürmt. Eine Gesellschaft der Demokraten hat sich konstituiert; neben dem Mainzer Dom wird der Freiheitsbaum errichtet. Die Studenten sind dabei, Handwerker, Kaufleute, Bauern. Auch einige jüdische Bürger zeigen ihre Sympathie, während sich der Großteil der Mainzer Judenschaft ängstlich zurückhält. Viele Jahrhunderte wurden sie gedemütigt von der politischen Laune der Erzbischöfe, die sie mal gönnerhaft duldeten, mal mit Füßen traten; jetzt wagen sich die meisten nicht hervor, obwohl die Mauern des Ghettos endlich fallen. Erst die nachfolgende Generation wird die Chance ganz begreifen, die der Sieg der Französischen Revolution den Juden im christlichen Abendland eröffnet.

In Mainz ist nichts mehr, wie es war. Zum ersten Mal entsteht so etwas wie eine politische Öffentlichkeit. Der Klub der Freiheitsfreunde lädt zur Sitzung, Lehne redet mit. In blühender Begeisterung besingt er die Republik ("Von heute an gehöre ich der Menschheit") und dichtet Verse auf die Melodie der Marseillaise. Er fordert seine Landsleute auf, wählen zu gehen. Das erste frei gewählte Parlament der deutschen Geschichte tritt im Deutschhaus am Rhein zusammen: Am 18. März 1793 ruft dort, vom Balkon aus, Parlamentspräsident Andreas Joseph Hofmann die Republik aus.