Die Woche nach der Schmach von Kasan, dem Ausscheiden seiner Nationalmannschaft bei der WM, war die bitterste in der Karriere Joachim Löws. Zu Hause im Schwarzwald versuchte der 58-Jährige das Unfassbare zu begreifen: "Einsamkeit tut gut nach solchen Ereignissen", sagte er, bevor er entschied, seinen Vertrag bis 2022 erfüllen zu wollen.

Der Wunsch abzutauchen ist in einer solchen Situation menschlich. Aber war nicht gerade der Rückzug in eine eigene Welt ein wesentlicher Grund für das Scheitern bei der WM? Trainer und Spieler wirkten in Russland, als hätten sie sich seit dem Titelgewinn in Brasilien vier Jahre lang auf eine Insel verkrochen. Als hätten sie dort den Erfolg festhalten wollen, um ihn bloß nicht mehr zu verlieren. Anstatt sich an der immer stärker werdenden Konkurrenz zu spiegeln, beschäftigten sich die Weltmeister mit sich selbst. Als die Inselbewohner aufs raue russische Festland zurückkehrten, wurden sie kalt erwischt.

Und trotzdem ist die Frage, ob Joachim Löw noch der richtige Trainer für die Mannschaft ist, nicht die entscheidende dieser Tage. Viel wichtiger ist: Wofür will die deutsche Nationalmannschaft in Zukunft eigentlich stehen?

Die Fehleranalysen der handelnden Personen werden nicht ausreichen

Ähnlich drastisch stellte sich diese Frage zuletzt nach dem Debakel bei der EM 2000. Als Konsequenz wurde damals die Nachwuchsausbildung im deutschen Fußball neu geordnet. Vier Jahre später wurde auch das Umfeld der Nationalelf kompromisslos professionalisiert.

Zur Erinnerung: Mit Unterstützung des ehemaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder verbannten Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw die Funktionäre aus dem Mannschaftshotel, der Austausch von Interna mit dem Boulevard wurde unterbunden, die Spieler bekamen Handys mit neuen Nummern. Sowohl die Kommunikationsabteilung wurde neu geordnet als auch der Stab der Betreuer ausgetauscht.

Die entscheidende Frage ist auch heute: Zieht sich der größte Sportverband der Welt in den kommenden Wochen wieder in sich selbst zurück? Oder befasst er sich mit der Außenwelt, um zu erkennen, wo die eigenen Defizite liegen? Denn die Fehleranalysen der handelnden Personen werden nicht ausreichen. Die notwendigen Veränderungen können mit Joachim Löw gelingen, sollten aber nicht ausschließlich von ihm ausgehen. Die Revolutionäre von 2004 dürfen nicht zu den Bewahrern von 2018 werden.

Die Firma Nationalmannschaft war zuletzt von einer Verwaltungskultur geprägt. Die Alternative dazu wäre eine neue Leistungskultur, der alles andere untergeordnet werden müsste, auch noch so große Verdienste von Spielern und altgedienten Mitarbeitern. Deutschland verfügt über ein Ensemble von Weltklassespielern, sie brauchen keine neue Taktik, sondern ein neues Umfeld.

Alles, was verlässlich erschien und erfolgreich war, muss hinterfragt werden. Die besten Leute in den Scouting-, Analyse- und medizinischen Abteilungen arbeiten in der Regel bei den Topmannschaften im Vereinsfußball; doch muss das so bleiben? Deutschlands Chef-Scout Urs Siegenthaler war ein Segen für die Nationalmannschaft. Als der Schweizer 2004 engagiert wurde, galt es als Innovation, den Gegner nicht nur taktisch zu durchschauen, sondern auch seine kulturellen Hintergründe zu erkennen. Die Spieler freuten sich über erfrischende Analysen. Wie frisch ist die Herangehensweise heute noch?

Ähnliches gilt für das Marketingkonzept der Nationalmannschaft. International erfolgreiche Unternehmen schaffen es, sich als fortschrittlich zu verkaufen, ohne dabei ihren Markenkern zu verraten. Die Nationalelf, die Lieblingsmannschaft der Deutschen, war zuletzt keine Herzensangelegenheit mehr. Zu Beginn des Trainingslagers in Südtirol wurden Nationalspieler auf Schritt und Tritt von Kamerateams begleitet. Wenig später stellte sich heraus: Ohne Leistung wird eine solche Außendarstellung zum Bumerang.

Der Fußball und seine Auswahlmannschaft dürfen sich nicht mehr als Bühne für Politiker missbrauchen lassen – nicht von Demokraten, erst recht nicht von Autokraten. Den Austausch mit Politikern dürfen die Verbandsgranden weiter pflegen, im Hintergrund, denn dort gehören sie hin. Wenn Funktionäre sich aber am Trainingsplatz inszenieren und die Bilder zur Eigenvermarktung verbreiten, sind das Symptome des gleichen Übels, das Löw bei den Spielern ausgemacht hat: Selbstherrlichkeit.

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