In der Innenstadt von Tirana regnet es heute ein bisschen, trotzdem sind die Straßen voller Menschen. Sie sitzen unter den Markisen der Cafés und rauchen, trinken Bier und sehen den Abendspielen der WM entgegen. Dann bricht doch noch die Sonne durch und sorgt für einen makellosen Regenbogen. Was gar nicht nötig gewesen wäre, so bunt, wie die Häuser hier angemalt sind.

Hat Edi Rama etwa recht behalten? Es ist fast zwanzig Jahre her, da verblüffte der damalige Bürgermeister von Tirana seine Wähler mit dieser eigenwilligen Maßnahme: In einer Zeit, in der die Strom- und Wasserversorgung ein Desaster war und es auch sonst am Nötigsten fehlte, entschied der Bürgermeister, dass zunächst einmal die Hausfassaden zu streichen seien. Über ganze Straßenzüge hinweg legten Malerkolonnen ein geometrisches Muster aus schreienden Farben über die Fassaden der Wohnblöcke. Die Stadt glich binnen kürzester Zeit einem gigantischen Mondrian. Und Edi Rama wurde mit dem etwas kuriosen World Mayor Award bedacht, einem Preis für den besten Bürgermeister der Welt.

Eigentlich hätte er auch einen Weltpreis der Künste verdient gehabt. Denn bei Edi Rama wird der alte Traum der Avantgarde noch einmal lebendig, so radikal wie bei kaum jemandem sonst wird das Politische schön und die Schönheit alltäglich. Rama kennt die Macht, und er kennt die Kunst, heute ist er der Ministerpräsident Albaniens – und ist doch stets Künstler geblieben, mit vielen Ehrungen bedacht und mit seinen Zeichnungen, Tapeten und Keramikskulpturen in der Kunsthalle Rostock demnächst auch groß in Deutschland zu sehen (voraussichtlich im Herbst).

Es gehe ihm darum, so sprach Rama, als er noch Bürgermeister war, "wie man eine Stadt, in der zu leben man vom Schicksal verdammt wurde, zu einer Stadt transformieren kann, die man zum Leben gewählt hat". Und: "Die Beziehung zwischen dem Bürgermeister und seinem Wähler ist wie die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Publikum."

Ob das auch jetzt noch gilt? Was macht die Politik aus einem Künstler? Was ein Künstler mit der Welt? Wir treffen Edi Rama im Kryeministria, so heißt auf Albanisch der Amtssitz des Ministerpräsidenten, ein italo-faschistischer Kolonialbau aus den frühen Vierzigern. Im ersten Stock: das riesige Büro des Chefs. Und ein Kulturschock im Herzen der Macht. Die Tapeten sind vom Boden bis zur Decke mit Edi Ramas sehr farbenfrohen Zeichnungen bedruckt. Um einen Besprechungstisch gesellen sich transparente Plexiglasstühle, die von Philippe Starck sein könnten, allerdings mit einem in die Lehne gravierten Doppeladler. Mitten im Raum: der ausladende Schreibtisch des Ministerpräsidenten. Wie viele Behälter voller Filzstifte passen eigentlich auf eine einzige Tischplatte, und in wie vielen Farben gibt es diese Stifte überhaupt? Über seine Stuhllehne hat Rama das Trikot eines albanischen Fußballstars drapiert. Alles in allem: das Bild eines hoffnungslos überdimensionierten Kinderzimmers.

Wer auf Fotos schon die Palette seiner bunt gemusterten Hemden, Krawatten und bedruckten T-Shirts gesehen hat, den muss sein heutiger Auftritt ein wenig enttäuschen. Edi Rama empfängt mit offenem weißem Hemd zum blauen Anzug, doch immerhin: in weißen Turnschuhen. Die trägt er auch bei Staatsbesuchen, und weil es so frech aussieht, wie er damit neben Emmanuel Macron steht, ist das ein Lieblingsthema des albanischen Boulevards.

Einen Filzstift hat Edi Rama bereits in der Hand, damit macht er sich an die Vollendung einer Zeichnung, die seinen auf ein DIN-A4-Papier gedruckten Terminkalender schon fast vollständig überwuchert. Sonorer Bariton: Man dürfe es ihm nicht übel nehmen, dass er ununterbrochen zeichne, auch wenn er gleichzeitig am Telefon oder in einer Besprechung sei oder eben wie jetzt ein Interview gebe. Das heiße nicht, dass seine Gesprächspartner ihn langweilten. Ganz im Gegenteil, sagt Edi Rama: "Zeichnen ist für mich wie eine konzentrationssteigernde Tablette." Übrigens ein wissenschaftlich bewiesener Umstand. Menschen, die sich während der Arbeit zugleich auf diese Weise beschäftigten, seien besser in der Lage, einer Diskussion zu folgen, außerdem seien sie dabei weniger impulsiv.