Linien erklären die Welt: In dieser Serie stellen wir ökonomische Theorien und Einsichten anhand von Grafiken vor. Manche sind historisch, manche neu, alle einflussreich.

Mitunter bedarf es einer guten Flasche Wein und einer exzentrischen Figur aus der Weltliteratur, um einer ökonomischen Idee zur Beachtung zu verhelfen. 2012 plante Alan B. Krueger, damals Chef-Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama, einen Vortrag über die Chancenungleichheit in den Vereinigten Staaten. Dabei wollte er auf ein Diagramm Bezug nehmen, das abbildet, wie stark die ökonomische Ungleichheit mit der sozialen Mobilität im Generationenvergleich korreliert. Das Diagramm hatte der Ökonom Miles Corak Jahre zuvor entworfen. Doch er hatte der Darstellung eine technische Bezeichnung gegeben, kaum jemand hatte davon Notiz genommen. Krueger suchte nach einem griffigeren Namen. Da ihm keiner einfiel, lobte er eine Flasche Wein für den besten Vorschlag aus. Ein Kollege wies ihn auf Jay Gatsby hin, den mysteriösen, schwerreichen Mann aus F. Scott Fitzgeralds Roman, der vielen bis heute als Epitom der Dekadenz und der extremen Ungleichheit der Zwischenkriegsjahre gilt. Und so sprach Krueger in seiner mahnenden Rede von der "Great Gatsby Curve". Prompt griffen Medien und Kollegen das Diagramm auf.

Berühmter Namenspate, kompliziertes Diagramm

Um die Sprengkraft der Kurve zu erfassen, muss man zunächst die Achsen des Diagramms betrachten. Die horizontale Achse bildet den Gini-Koeffizienten ab, einen Indikator für die ökonomische Ungleichheit einer Gesellschaft. Die Formel ist kompliziert, aber grundsätzlich gilt: Je höher der Gini-Koeffizient, desto größer die Ungleichheit. Hat jeder exakt gleich viel, ist sein Wert 0, hat einer alles und alle anderen haben nichts, ist er 1. Der Gini-Koeffizient der Großen-Gatsby-Kurve bezieht sich auf die Verteilung des Nettoeinkommens, berücksichtigt also die Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen.

Die Gatsby-Kurve

Lesehilfe: In den USA (rechts oben) ist die ökonomische Ungleichheit eher hoch. Auch die sogenannte Einkommenselastizität zwischen den Generationen ist dort hoch. Letzteres bedeutet, dass das Einkommen der Kindergeneration stark von dem Einkommen ihrer Eltern abhängt. Die soziale Mobilität ist demnach gering. *Wie in der ursprünglichen Version des Diagramms wurde hier der Gini-Koeffizient von 1985 verwendet.

Quelle: Miles Corak © ZEIT-Grafik

Die vertikale Achse gibt an, welcher Teil des Einkommens einer Person durch das Einkommen ihrer Eltern erklärt werden kann. Der Fachausdruck dafür ist "intergenerative Einkommenselastizität". Nehmen wir an, die Eltern von Kind A verdienen zwanzig Prozent mehr als die Eltern von Kind B. Beträgt die Einkommenselastizität null, so ist das erwartete durchschnittliche Einkommen beider Kinder gleich. Liegt der Wert dagegen bei etwa fünfzig Prozent, so kann Kind A erwarten, später einmal knapp zehn Prozent mehr zu verdienen als Kind B.

Die Große-Gatsby-Kurve setzt diese beiden Werte in Beziehung. Für jedes Land ergibt sich aus ihrer Kombination ein Punkt im Diagramm. Irritierend ist zunächst, dass der Gini-Koeffizient aus dem Jahr 1985 stammt. Doch dafür gibt es einen Grund: Krueger wollte abbilden, wie die ökonomische Ungleichheit mit der sozialen Mobilität der nächsten Generation zusammenhängt – und für die Kinder von heute gibt es noch keine Einkommensdaten.

"Selbst wenn uns nur die Chancenverteilung am Herzen liegt, können wir die Ungleichheit nicht ignorieren"
Alan B. Krueger, Wirtschaftswissenschaftler

Betrachtet man die Verteilung, fällt auf: In Ländern, in denen die ökonomische Ungleichheit 1985 größer war (höherer Gini-Koeffizient), erklärt das Einkommen der Eltern in der Regel auch mehr von den Lohnabweichungen ihrer Kinder (höhere Einkommenselastizität). Die Kurve, hier in der Form einer ansteigenden Geraden, drückt damit eine besorgniserregende Korrelation aus: Je größer die Einkommensspanne, desto geringer die soziale Mobilität.

Allerdings sind nicht alle Ökonomen von der Kurve überzeugt. Greg Mankiw, ein Professor aus Harvard, nennt ihren Befund "nicht besonders überraschend". Um das zu erklären, bemüht er das Beispiel eines Schachclubs. In einem Club, in dem alle Spieler etwa gleich gut sind, gewinnt jeder ungefähr gleich viele Spiele, und das Ergebnis in einem Jahr lässt kaum Rückschlüsse auf die nächste Saison zu. In einem Verein, in dem die Spieler unterschiedliche Niveaus haben, werden die Siege dagegen ungleich verteilt sein. Da zudem stets in etwa dieselben Spieler triumphieren, erlauben die Ergebnisse Prognosen fürs nächste Jahr. "Bildeten wir die Vereine auf einem Graph ab, so würden wir etwas Ähnliches wie die Great Gatsby Curve erhalten", schreibt Mankiw: Je durchmischter ein Verein, desto geringer die Mobilität der Spieler. Diese Beobachtung ist korrekt, führt jedoch in die Irre. Denn während im Verein jedes Jahr dieselben antreten, betrachten wir beim Einkommen verschiedene Generationen. Dominieren besonders gute Spieler über Jahre, erscheint das weniger problematisch, als wenn einzelne Familien über Generationen exorbitant hohe Einkommen erzielen.

Die Große-Gatsby-Kurve stellt indirekt ein anderes berühmtes Diagramm infrage. Simon Kuznets hatte ab 1955 die These entwickelt, dass die Entwicklung der sozialen Ungleichheit historisch einer nach oben gewölbten Kurve folgt: Mit der Industrialisierung einer Gesellschaft nimmt sie zu, erreicht dann einen Höhepunkt und geht wieder zurück. In den Nachkriegsjahren schien das schlüssig: Nach einer Phase des entfesselten Kapitalismus sorgten progressive Steuern und ein Sozialstaat für eine gleichmäßigere Verteilung. Die Kuznets-Kurve wurde von marktliberalen Ökonomen gern herangezogen, denn sie rechtfertigte die Aussage: Wir müssen nur für genug Wachstum sorgen, dann profitieren alle.

Der Name "Gatsby-Kurve" ist streng genommen irreführend

Die Entwicklung der Einkommen seit den 1980er Jahren zeigt jedoch, dass die Kuznets-Kurve zu kurz greift. Die Globalisierung und die Digitalisierung haben die Verdienstmöglichkeiten von Geringqualifizierten im Westen gemindert, die Einkommensungleichheit hat wieder zugenommen. Die Große-Gatsby-Kurve legt nahe, dass ökonomische Ungleichheit nicht nur beständiger ist als gedacht, sondern massiven Einfluss auf die Erfolgsaussichten Einzelner hat. "Selbst wenn uns nur die Chancenverteilung am Herzen liegt, können wir die Ungleichheit nicht ignorieren", so Krueger gegenüber der ZEIT. "Die beiden sind untrennbar miteinander verbunden."

Besteht zwischen höherer Einkommensungleichheit und geringerer sozialer Mobilität aber nur eine Korrelation oder auch eine kausale Beziehung? (Das Zweite folgt nicht aus dem Ersten: Der Verkauf von Eis korreliert mit dem Verkauf von Sonnencreme, steigert aber nicht deren Nachfrage; das macht der Sonnenschein.) Indem Krueger den Gini-Koeffizienten von 1985 für sein Diagramm wählt, suggeriert er, dass die ökonomische Ungleichheit die soziale Mobilität der nächsten Generation beeinflusst, dass also eine kausale Beziehung vorliegt. Das ist eine These, die das Diagramm nicht stützen kann. Doch intuitiv spricht viel dafür: Je größer die Ungleichheit, desto ausdifferenzierter ist meist das Bildungssystem, desto mehr setzen Wohlhabende auf private Anbieter, desto größer ist also die Chancenungleichheit.

Liegt Krueger richtig, ist die Prognose düster. Da der Gini-Koeffizient in den meisten westlichen Ländern seit 1985 gestiegen ist, würden sie in den kommenden Jahren auf der Great-Gatsby-Kurve weiter nach rechts oben rutschen. Die "Geburtenlotterie" würde noch wichtiger. Das könnte die ökonomische Ungleichheit weiter verschärfen. So förderlich der Name war, um darauf aufmerksam zu machen – streng genommen ist er irreführend. Denn Jay Gatsby tritt im Roman zwar als Vermögender auf, ist aber auf einem ärmlichen Bauernhof aufgewachsen. Ein Wissenschaftler der Denkfabrik Rand Corporation hat daher, in ironischer Anspielung auf einen Bestseller des marktliberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek, einen anderen Namen vorgeschlagen: Line to Serfdom – Linie zur Knechtschaft.