Erwin Zangerl muss sich nicht lange warmreden. Der Tiroler Arbeiterkammerpräsident zieht kurz an seiner Marlboro, bläst den Rauch in den Raum und schimpft los. "Diese Regierung ist eine PR-Agentur. Aus der schwarzen ÖVP wurde eine unsoziale türkise Partei." Dass ein Chef der Arbeiterkammer gegen die Regierung wettert, wundert wenig. Doch im Westen Österreichs ist alles anders, die Arbeiterkammer ist hier nicht sozialdemokratisch dominiert: Erwin Zangerl ist kein Roter, sondern ein Parteifreund von Sebastian Kurz, seit mehr als 40 Jahren bei der Volkspartei. Dieses Wochenende hat er das erste Mal in seinem Leben demonstriert. Gegen die Arbeitszeitflexibilisierung der Regierung – und trug dabei ein Poloshirt mit dem Aufdruck: "Soziale Schwarze".

Im Westen ist die ÖVP fast noch eine allumfassende Volkspartei. Selbst die tiefroten Arbeiterkammern werden in Vorarlberg und Tirol vom Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (ÖAAB) dominiert, der nach dem Seniorenbund mitgliederstärksten Teilorganisation der ÖVP. Ein wenig Rebellion gegen die Parteiführung gehörte dort stets zum guten Ton. Bertram Jäger etwa, der 1969 in Vorarlberg zum ersten ÖVP-Arbeiterkammerpräsidenten Österreichs gewählt wurde, machte rasch klar, dass er sich nicht als willfährige Dependance der Landesregierung sah, und trug offene Konflikte mit dem ÖVP-Landeshauptmann aus. Und in Tirol gab es den legendären AK-Präsidenten Fritz Dinkhauser, der so weit ging, mit einer eigenen Liste gegen die ÖVP anzutreten. Herz-Jesu-Marxisten werden diese Leute oft genannt (ZEIT Nr. 21/14).

Erwin Zangerl passt in diese Riege. Erdig, hart und im schweren Tiroler Dialekt teilt der 60-Jährige in alle Richtungen aus. Parteiräson ist für ihn ein exotischer Begriff. Reform der Mindestsicherung, Zwölfstundentage, Reform der Sozialversicherung, Zangerl kann über all das in Rage geraten. Es gehe der Regierung um die Entmachtung der Arbeitnehmer. "Die spaltet die Gesellschaft", sagt er mit seiner tiefen Raucherstimme. "Wenn die so weitermacht, wird irgendwann der untere Teil gegen den oberen kämpfen. Dann haben wir ein Riesenproblem."

Zangerl ist einer von jenen, die gemeint sind, wenn vom "alten System" die Rede ist, von der Sozialpartnerschaft, die ausgedient habe und deren Funktionäre sich nun an ihren Jobs festklammerten.

Wenn er das hört, wird er zunächst wütend. Dann legt er die Hände übereinander auf den Tisch, als müsse er sich beruhigen, und lacht schließlich. "Die Sozialpartnerschaft ist die einzige Garantie in dieser Republik, dass wir nicht aufeinander losgehen."

Er spricht über die christliche Soziallehre, die er zwar nur überflogen habe, aber trotzdem vertrete. Er schwärmt von Grete Rehor, ÖVP-Sozialministerin in der Regierung Klaus in den Sechzigerjahren, die als schwarze Kommunistin verschrien war und unter der viele Sozialgesetze beschlossen wurden. Und er erzählt davon, dass die ÖVP zwar immer eine Unternehmer- und Bauernpartei gewesen sei, die Arbeitnehmer aber trotzdem auch stets darin Platz gehabt hätten.

Jetzt sei das anders. "Es gab einen Putsch in der Partei, die türkisen Putschisten sitzen nun an der Spitze und bezahlen mit Zinsen an die Großsponsoren und die Industriellenvereinigung zurück, was die ihnen im Wahlkampf gespendet haben. Das gab es früher in diesem Ausmaß nicht, das ist demokratiegefährdend."

"Diese Regierung hat sich sektenartig strukturiert"

In seinem Büro hat Zangerl Urkunden und Auszeichnungen in Bilderrahmen übereinander an die Wand gelehnt. Ganz vorne steht meist etwas, das zum aktuellen Besuch passt. Kürzlich war der Tiroler Caritas-Chef hier, dafür holte er eine große Glückwunschurkunde hervor, die er zum 50. Geburtstag bekommen hat – von Papst Benedikt XVI. Warum er die bekam? Das wisse er nicht. Herzeigen tut er sie trotzdem gerne.

Die christlich-soziale Arbeitnehmervertretung hat in Tirol eine lange Tradition. Die SPÖ regiert einzelne Orte, landesweit konnte sie sich aber nie durchsetzen. Die Sozialdemokratie stand für das verhasste Wien. Die werktätigen Massen zog es zur katholischen Arbeiterschaft. In einem Land, in dem die ÖVP früher bis auf jeden Berggipfel durchregierte, war es für viele undenkbar, sich politisch anderswo zu engagieren.

Auch Zangerl fand früh den Weg zur Volkspartei, wohin auch sonst? "Die ÖVP hat Tirol immer gutgetan", sagt er. "Es gab klare Mehrheiten, und das hat wunderbar funktioniert."