Die exilierte Fotografin Ellen Auerbach, porträtiert von Stefan Moses. Seine Bilder von Emigranten wie Willy Brandt werden ein Teil des Museums. © Stefan Moses

Am Anfang stand, wie bei allen Dingen, zu deren Entstehung es großer Mengen an Energie bedarf, ein Wutanfall: 2001 besuchte Bernd Schultz, Mitbegründer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, eine Gedenkveranstaltung zu Ehren des 150. Geburtstages von James Simon. Die Veranstaltung sei so jämmerlich gewesen, so unfestlich und unwürdig, dass er sich tagelang aufgeregt habe: James Simon, Jahrgang 1855, Spross einer deutschjüdischen Familie, die im 19. Jahrhundert durch den Textilhandel zu bedeutendem Vermögen gelangt war, war einer der größten Mäzene Berlins, dem die Museen so viel verdanken, berühmtesterweise auch die Nofretete.

In einer Figur wie James Simon fließt alles zusammen, was Bernd Schultz schätzt: unternehmerische Fortune, bürgerschaftliches Engagement und eine Leidenschaft für die schönen Künste. James Simon ist die prototypische Verkörperung jenes deutschjüdischen Kulturgroßbürgertums, das der neuen Reichshauptstadt nach 1871 erst zu ihrer kulturellen Weltgeltung verhalf. Und nun eine so jämmerliche Gedenkveranstaltung!

Das war die Initialzündung. Seither treibt Bernd Schultz die Idee um, einen Ort zu schaffen, der zeigt, welch wissenschaftlicher und kultureller Reichtum Deutschland durch die Vertreibungspolitik der Nazis verloren gegangen ist: ein Museum des Exils, das gut in unsere Zeit passe, denn das Jahrhundert der Vertreibungen sei noch keineswegs vorbei. Schultz gehört nicht zu den Menschen, die Dinge wortreich erklären. Stattdessen schaut er einen mit stechenden Augen an, als wollte er sagen: "Es kann doch nicht sein, dass Sie von der Dringlichkeit des Projekts noch nicht überzeugt sind? Habe ich Sie überschätzt?" Und weil alle vor diesem Blick die Waffen strecken, ist jetzt die Nobelpreisträgerin Herta Müller Schirmherrin der Stiftung, der ehemalige Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz Stiftungsvorsitzender und Christoph Stölzl, der einst das Deutsche Historische Museum aus der Taufe hob, sein Gründungsdirektor.

"Ich habe nie nach dem Staat gefragt", sagt Schultz. Das Exil-Museum will er aus privaten Mitteln finanzieren. Im vergangenen Jahr hat er dafür seine eigene Sammlung mit Bildern von Lovis Corinth bis Picasso versteigert. Doch dann, wie oft bei Menschen, die unter Dampf stehen, stellte er sich selbst ein Bein. Natürlich braucht ein Museum ein Haus. Seit 30 Jahren unterstützt Schultz das Käthe-Kollwitz-Museum, indem er ihm Räume, die seiner Stiftung gehören, für einen Mietzins von sechs Euro den Quadratmeter überließ. Jetzt schreibt er eine Kündigung. Und plötzlich hat er Gegenwind. Denn nun steht er da als jemand, der um einer egomanen Idee willen das wackere Kollwitz-Museum in seiner Existenz gefährde.

Die Wellen haben sich inzwischen geglättet, das Kollwitz-Museum hat eine neue Wohnstatt neben dem Berggruen-Museum bekommen. Unterdessen schwebt Schultz und Stölzl allerdings ein Museumsneubau vor. Einen Wunschplatz haben sie schon, das Areal am ehemaligen Anhalter Bahnhof. Noch ist das Grundstück als Grünfläche ausgewiesen, es müsste umgewidmet werden. Der Stadtplanungsausschuss zeigte sich aufgeschlossen, am Ende muss die Bezirksverordnetenversammlung entscheiden.

Für Christoph Stölzl ist es der ideale Ort. Von hier, dem ehemaligen Westbahnhof, seien die Exilanten nach Paris und London aufgebrochen. In unmittelbarer Nachbarschaft ist die Topographie des Terrors, die zeige, wovor man geflohen sei.

Aber braucht es überhaupt ein Museum des Exils? Wissen wir das nicht alles längst? Mitnichten, entgegnet Stölzl. Die Exilliteratur sei ausführlich erforscht worden und der Anteil der Emigranten an Hollywood. Aber die Breite der Verluste werde nirgends zusammenhängend erzählt. Stölzl nennt es ein "kathartisches Unternehmen". Die Ambition ist groß: Das Museum soll zeigen, wie alles, was die "Weimar Culture" ausgemacht habe, vom Bauhaus bis zur Ufa, identisch gewesen sei mit jenen Menschen, die 1933 vertrieben wurden. Sie wurden vertrieben, eben weil sie die Moderne verkörperten. Die Zielorte des Exils, von Istanbul bis Palästina, von Shanghai bis Nord- und Südamerika, müssen gezeigt werden und wie sehr die Fluchtländer von den Emigranten geprägt worden seien: "Die ganze moderne Türkei Atatürks wurde von deutschen Juden gebaut." Und schließlich müsse, sagt Stölzl, ein Licht geworfen werden auf die "schändliche Verhinderung der Remigration – nur drei bis fünf Prozent sind nach Deutschland zurückgekehrt".

Stölzl springt von einer Biografie zur nächsten. Seine Wangen glühen, als könnte er die Dichte an Geist, Innovationslust und Kreativität, die vor 1933 in Deutschland geherrscht habe, gar nicht begreifen. Immer wieder fällt die Vokabel "weltfähig": Alles, was weltfähig an Deutschland gewesen sei, sei vertrieben worden: vom Populärmediziner Fritz Kahn bis zu Victor Gruen, einem Wiener Architekten, der 1938 nach New York ging. Dort arbeitete er zuerst als Schaufensterdekorateur und erfand die zurückgesetzte Ladenfassade. 1954 habe Gruen die erste Shoppingmall der Welt gebaut: "Er wollte in dieses furchtbare Downtown-Amerika aus zwei Straßen, Drugstore und Tankstelle die Kultur der Wiener Ringstraße implantieren. Also hat er die Autos nach unten verlegt, die Ladenfassaden nach innen gekippt und einen künstlichen Himmel darübergelegt. Jemand aus Wien geht in die USA und erfindet das erfolgreichste Architekturmodul der Welt!"

Stölzl ist jetzt in Fahrt: Margarete Schütte-Lihotzky – die Erfinderin der Einbauküche. Richard Heymann – der Begründer der deutschen Unterhaltungsmusik. Karl Amson Joel (Billy Joels Großvater) – der Erfinder des Wäscheversandhandels. Die Juden seien zur Innovation verdammt gewesen: "Sozial gingen sie in die Berufe, die neu waren, denn die alten waren versperrt. Wenn du nicht Gardekürassier werden kannst, dann bleibst du entweder dein ganzes Leben lang unglücklich, wie Walther Rathenau, oder du sagst dir: Dann werde ich halt Kinopionier!"

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