Der Spalt, der sich in den vergangenen Wochen zwischen den zwei Volksparteien mit dem C aufgetan hat, öffnet sich auch im Rest des Landes. Wie umgehen mit der Zuwanderung? – das ist inzwischen nicht mehr eine Frage unter vielen, sondern für viele Bürger ist dies offenbar zur einen großen Zukunftsfrage geworden. Draußen halten, Grenzen schließen, dieser Reflex in einer vermeintlichen Notwehrsituation hat einer fremdenfeindlichen Fundamentalopposition zu mehr Einfluss verholfen, als Wahl- und Umfrageergebnisse der AfD vermuten lassen. Die Populisten sind nahe daran, ohne Regierungsverantwortung das Land zu gestalten, wenn es ihnen gelingt, eine Partei mit Regierungsverantwortung so vor sich herzutreiben wie zuletzt die CSU.

Wie umgehen mit der neuen Macht der Populisten? Und wo Stellung beziehen in dem sich spaltenden Land – auf einer Seite oder möglichst auf neutralem Grund? Dieser Frage müssen sich auch die Kirchen stellen, und sie haben gute Gründe, nach eigenen Antworten zu suchen.

Das fängt an mit der Beschreibung des Problems. Man kann die Frage akademisch finden, ob dieser neue Populismus "rechts" ist, aber für die Kirchen lohnt es, genauer hinzuschauen. Rechten liegt gewöhnlich die Position etablierter Eliten am Herzen, Linken geht es um Gleichheit, allgemeiner gesagt, um eine egalitäre Vorstellung von Gerechtigkeit. Die Wut der vermeintlich oder wirklich Zukurzgekommenen und Vernachlässigten, die sich nun gegen Eliten und Schwächere zugleich richtet, lässt sich so kaum einordnen.

Die Einordnung gelingt aber ganz einfach, wenn man sich die Ziele und Haltungen ansieht, gegen die Populisten sich wenden. Teilen, abgeben, Schwächeren Schutz und Hilfe bieten – es sind christliche Werte, traditionell formuliert: Nächstenliebe und Barmherzigkeit, die der neue Populismus zurückdrängen will. Wenn dessen Akteure das "Gutmenschentum" ihrer Gegner verhöhnen, meinen sie auch die Kirchen.

Diesem antichristlichen Grundmotiv entspricht die Einigkeit der Kirchen in ihrer Haltung gegenüber Flüchtlingen einerseits und Fremdenfeindlichkeit andererseits: Von der EKD bis zu den zerstrittenen Lagern im Katholizismus, von Heinrich Bedford-Strohm über Reinhard Marx bis zu Rainer Maria Woelki stehen die Kirchen ziemlich geschlossen da, nicht nur als Beteiligte, sondern oft sogar als Vorkämpfer jener Willkommenskultur, die den Populisten so zuwider ist. Dasselbe gilt für Laienorganisationen und Kirchenbasis, ob es nun das evangelische Kirchentagschristentum ist, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die ökumenische Organisation Kirche von unten oder die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche.

Wenn das Bild eines Landes richtig ist, das sich im Streit um die Zuwanderung gerade spaltet, dann liegt es nahe, die Kirchen mit ihrer eindeutigen Haltung und ihrem in dieser Frage geschlossenen Auftreten auf einer Seite des Grabens zu sehen, gemeinsam mit Sozialdemokraten, Linken, Grünen und einem Teil der Merkel-CDU.

Es ist ohne Weiteres möglich, dass ihnen am Ende keine Wahl bleibt, als diese Position einzunehmen. Und es gibt Stimmen in den Kirchen, die diese auch dort sehen wollen. Im Zentralkomitee der deutschen Katholiken denken sie über eine Unvereinbarkeitserklärung von katholischer Lehre und AfD-Positionen nach, in vielen evangelischen Landeskirchen hat eine Debatte begonnen, ob AfD-Mitglieder oder Vertreter von AfD-Positionen Ämter in Kirchengemeinderäten und Synoden innehaben können.

Klare Kante, klare Grenzen, klingt doch gut, könnte man meinen. Keinen Fußbreit den Faschisten! Ehe sich die Kirchen in die Rolle einer christlich inspirierten Antifa begeben, sollten sie allerdings überlegen, wo der Graben zwischen den Lagern im Flüchtlingsstreit verläuft – und wem es nützt, ihn zu vertiefen.

Sechzehn Prozent gibt eine Umfrage einer fiktiven bundesweit antretenden CSU, dazu kämen zwölf Prozent für die AfD. Etwa jeder Vierte dürfte demnach der Ansicht sein, ein Scheitern der Bundesregierung, die Spaltung des konservativen Lagers, eine neue Krise der EU und noch mehr Flüchtlingselend seien kein zu hoher Preis für eine weitere Verringerung der inzwischen ohnehin ziemlich kleinen Zahl asylsuchender Einwanderer.