Eigentlich erforscht er Menschenaffen, untersucht deren Kultur, Moral und Empathie. Und er prägte den Begriff "Alpha-Männchen" für jene dominanten Exemplare einer tierischen Gemeinschaft, die mit viel Imponiergehabe auftreten und sich an die Spitze der Rangordnung setzen. Nun hat Frans de Waal den Blick auf eine verwandte Spezies gerichtet und festgestellt: Was für Gorillas gilt, lässt sich bei Chirurgen beobachten. Je höher der Männeranteil im Operationssaal, desto mehr Streit gibt es.

Anschreien, Bloßstellen oder Ignorieren sind der Studie zufolge die beliebtesten Kampfstrategien

In einer groß angelegten Studie untersuchte der Affenexperte gemeinsam mit Psychologen und Medizinern das Sozialverhalten von Ärzten im OP. Dabei kamen Methoden zum Einsatz, die traditionell für die Forschung an Gorillas oder Schimpansen angewendet werden – die sich aber problemlos übertragen ließen. Auch die entdeckten Verhaltensmuster waren de Waal aus dem Dschungel wohlvertraut.

So spielen sich in vornehmlich männlichen Teams deutlich mehr Konflikte ab als in gemischten Gruppen – teilweise sogar auf Kosten der Patienten. Dabei drehen sich die Auseinandersetzungen rund um den OP-Tisch nicht etwa um fachliche Belange, also offene Herzen, Schädel oder Kniegelenke. Die meisten Rangeleien lassen sich auf zwei Angelegenheiten herunterbrechen: Status und Sexualität. Anschreien, Bloßstellen oder Ignorieren sind der Studie zufolge die beliebtesten Kampfstrategien im OP-Saal.

Das kooperative Verhalten nimmt geradezu exponentiell ab, je höher der Anteil der männlichen Ärzte ist. Hundert Prozent Männer im Team = minimale Zusammenarbeit = maximale Konfrontation. Arbeiten dieselben Chirurgen hingegen hauptsächlich mit Kolleginnen zusammen, zeigen sie sich deutlich freundlicher. Sie loben häufiger, erklären Sachverhalte und bedanken sich öfter – auf der Fairness-Skala legen sie durchschnittlich um 13 Prozent zu.

Klingt nach einem Klischee? Stimmt, ist aber trotzdem wahr, belegt mit empirisch erhobenen Daten, die nun im Fachmagazin PNAS erschienen sind. In 200 Operationen haben de Waal und sein Team beobachtet, wie sich die Anwesenden verhielten. Zwei Jahre lang dokumentierten sie an den OP-Tischen dreier Krankenhäuser insgesamt mehr als 6300 Interaktionen von Ärzten, Pflegern und Helfern.

Warum de Waal ausgerechnet diese Spezies untersuchte? Weil sich im sozialen Milieu OP-Saal gut studieren lässt, wie man eine komplexe Aufgabe löst, etwa einen komplizierten Trümmerbruch. Ergebnis: Am besten funktionieren gemischtgeschlechtliche Teams, in denen die Reibereien zwischen den Alpha-Männchen möglichst minimiert werden.

Lassen sich diese Erkenntnisse auch auf andere Spezies übertragen? Etwa auf Politiker im Allgemeinen oder CSU-Reviere im Besonderen? Im CSU-geführten Innenministerium sind bekanntlich hundert Prozent der Führungspositionen männlich besetzt. Vielleicht sollte man dort einmal einen Affenforscher vorbeischicken.