Die Kanzlerin wackelt, der Nationaltrainer stand auf der Kippe. Da können die Pop-Philosophen und medialen Sinnstifter nicht widerstehen. Sie schlagen den großen Bogen und bemühen das Menetekel. Der Niedergang der Nationalmannschaft spiegele den Abstieg der Nation, zumindest der Regierung. Wir wollen nicht das Buch Daniel auffahren, aber doch Matthäus 19,30, um der Wahrheit etwas näher zu kommen: "Es werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten."

Dieser Spruch enthüllt keinen göttlichen Fingerzeig, sondern den prosaischen Strukturwandel im globalen Fußball. Dass Deutschland schon in der Gruppenphase rausflog, ist kein Grund für Spenglersche Visionen. Seit der Jahrtausendwende hat dieses Schicksal gleich vier Titelverteidiger erwischt: Frankreich 2002, Italien 2010, Spanien 2014, zuletzt die Löw-Truppe. Was wollte die Vorsehung uns sagen? Nichts.

Weiter: Zwei Fußball-Großmächte haben es nicht einmal bis Russland geschafft: Holland und Italien. Argentinien (Messi!) scheiterte im Achtelfinale, wo auch zwei andere Giganten die Koffer packten: Portugal (Ronaldo!) und Spanien. Die Schwarz-Rot-Goldenen sind also in guter Gesellschaft, kein Beweis für den Untergang der Nation.

Noch erstaunlicher war der Aufstieg der Kleinen. Was hatte Panama im erlauchten Kreis der traditionellen Champions zu suchen? Island, Peru, Serbien, Ägypten? Wieso kommt Island mit einer Bevölkerung so groß wie die von Wuppertal in den World Cup? So weit haben es bei dieser WM nicht einmal die USA mit 320 Millionen Einwohnern geschafft. Südkorea kickte die Deutschen, den vierfachen Weltmeister, vom Feld.

Die Bibel hat immer recht: Die Letzten werden die Ersten sein, aber nicht auf göttliches Geheiß. Die Erklärung besteht aus einem Wort: "Globalisierung". Als die Deutschen 1954 den Pokal in Bern holten, kamen Sepp Herbergers Mannen aus deutschen Vereinen: große Bevölkerung, große Auswahl. Da konnte das winzige Island nicht mithalten. Doch heute sind die Scouts der Club-Teams in der gesamten Welt unterwegs und rekrutieren die Besten der Besten.

Die spielen mit den Besten in der Premier League oder der Bundesliga. Sie erringen Ruhm und Reichtum, egal, ob sie aus dem Senegal oder Ägypten kommen. Sie steigen auf in die Welt-Elite, was sie im einst abgeschotteten Daheim nie hätten schaffen können. Alle vier Jahre kehren sie heim, wo sie mit anderen Cracks im Nationalteam spielen und die klassischen Fußballmächte das Fürchten lehren.

Der Senegal-Kader besteht zu 100 Prozent aus "Legionären". Dito die Schweden. Neun von zehn Isländern kicken in ausländischen Clubs – dasselbe gilt für die kroatische wie die marokkanische Mannschaft. Bei der WM spielen zwar nationale Teams, aber in Wahrheit die Besten gegen die Besten aus der ganzen Welt. "National" an ihnen ist nur der Pass. Vergleichbar ist dieser globale Markt nur mit den großen Orchestern dieser Welt, wo nicht Herkunft die Zukunft bestimmt, sondern Talent und Ehrgeiz.

Anders als Football, Baseball und Rugby ist Fußball der einzig globale Sport, jedenfalls gemessen an den drei Milliarden, die in Russland zugucken. Dass in der gnadenlosen Konkurrenz die Letzten zu den Ersten aufrücken und umgekehrt, befeuert die Faszination. Über diese Art der Globalisierung darf sich niemand beschweren.