Wir begegnen uns nicht zum ersten Mal. Zwei, vielleicht drei Male waren es schon. Flüchtige Momente, in denen wir uns berührten. Ich ihn, nicht umgekehrt. Eine ritualisierte Handlung, die ich mit dem Verstand rekonstruieren kann, mein Herz hat es vergessen. Woran ich mich erinnere: Man fühlt sich schnell wohl mit ihm. Kein Aufwärmen, kein Abtasten, kein Anbändeln. Wenn man vor ihm steht, ist es vertraut, und die Verhältnisse sind klar. Jeder weiß, was er zu tun hat. Hilfsbereit ist er, unbestechlich und höflich. Sagt Bitte und bedankt sich für jeden Besuch.

Vom Spielbudenplatz aus kann ich ihn sehen. Er hat noch nicht viel zu tun. Stocksteif ist er, die Haltung aufrecht. Er befindet sich am Rand der Reeperbahn und wirkt doch exponiert, vielleicht gar etwas erhaben. Man schaut ihn gern an, vor allem jetzt, kurz vor sechs, wenn das Abendlicht auf ihn fällt und er die zwei neben sich, die ihm ähnlich sehen, im Schatten stehen lässt. Einmal über die Ampel, dann bin ich da. Die Jungs neben mir wollen auch hin. "Yo", sagt einer von ihnen, "Haspa wollt ich auch noch." Er ist nun mal begehrt. Er und seine Kollegen, nur ein paar Schritte von ihm entfernt, sind die begehrtesten im ganzen Land. So viel Geld wie hier, flüsterte mir letztens jemand zu, werde nirgendwo anders rausgegeben.

Die begehrtesten Geldautomaten Deutschlands? Ich fragte Google und fand heraus: Bis zu 29 Millionen Euro im Jahr sollen es sein, berichtete einmal das Hamburger Abendblatt. Ein Anruf beim Sprecher der Hamburger Sparkasse: Ist das wahr? Der Sprecher bleibt sachlich. Es gehe ums Geld, sagt er, Sicherheitsgründe, dazu könne er keine Angaben machen. Gar nichts? Nee, wenn die Gangster unterwegs seien ... Der Pressesprecher schickt noch eine Mail hinterher, ein Detail, das er verraten kann, gangsterunattraktiv: "Der Geldautomat an der Ecke zur Hein-Hoyer-Straße war der erste Außen-GA dieser Filiale. Er trägt intern die Nummer 206/4."

206/4 also – aber was sagt schon ein Name aus? Ich will ihn näher kennenlernen, den Samstagabend mit ihm verbringen. Wenn es gut läuft, die Nacht.

Der Himmel ist blau, das Licht warm, und nun bin ich bei ihm. An ihm ist erst mal nichts Besonderes: rote Farbe, ein Display, Tasten, ein Schlitz zum Reinstecken, ein Schlitz zum Rausnehmen. Ich lasse den Jungs den Vortritt und drehe 206/4 den Rücken zu. Ich will wissen, was er erlebt, was er hört, was er sieht. Wie versteht man die Welt, wenn man nicht in Bewegung ist, sondern sie aus einem einzigen Winkel heraus betrachtet?

180 Grad von rechts nach links: Drei Nonnen an der Hauswand werben für eine Cola – "Afrischt den Geist". Nonnen, so lernt es der Geldautomat, tragen bauchfrei und den vollen Busen im BH, sie mögen es, am Lolli zu lutschen und Kaugummiblasen zu blasen. Daneben Toilettencontainer, ein Graffiti-Clown bekennt: "We are ugly", ein Angebot in pinker Farbe: "Table dance – Girls, Girls"; am pinkfarbenen Mülleimer ein Pfandregal, eine Überwachungskamera an der Ampel, ein Imbiss mit Würsten an der Fassade, die später grün leuchten werden, die Davidwache, eine elektronische Litfaßsäule, Spielhallenslogan: "Großes Glück statt große Freiheit?" Hinter ihm, am Geiz Club, sitzen Obdachlose mit vier beschrifteten Behältern: "Gras", "Bar", "Essen", "Tabak". Wer gibt, muss entscheiden, wofür.

Eine Umgebung, die Grundbedürfnisse erfüllt: Hunger, Durst, Sex

Das ist sein Zuhause: Eine Umgebung, die menschliche Grundbedürfnisse erfüllt. Hunger, Durst, Sex, Sicherheit, Ordnung. Ein Kiez, der mit Versprechen verführt. Risiko, Rausch, Ekstase!

Erst bekomme ich Mitleid: Der Geldautomat ist unter seinen Nachbarn ein Außenseiter, ein Fremdling im Kiez. Er verspricht nichts. Er gibt dir, was du willst. Und was er dir gibt, nimmt er sich von dir. Afrischt den Geist? Große Freiheit? Wie muss das auf ihn wirken?

Dann will ich mit ihm schimpfen: Lieber Geldautomat, wer nicht mal aus dem Rahmen fällt, wer nur erwartbar und berechenbar handelt, immer in seiner einstudierten Routine bleibt, versprüht keinen Esprit. Wer nichts Unkalkuliertes eingeht, wer nicht mal auf dem Seil tanzt und riskiert zu fallen, der bleibt eingemauert, der verharrt am Fleck, erfrischt sich nicht, seinen Geist nicht. Große Freiheit, glaub’s mir, wartet nicht auf dich.

Ich mein’s ja nur gut.

Ein Schritt auf ihn zu. Ich mustere ihn. Makellos ist er nicht. Er hat Kratzer und Macken, er wurde benutzt, er hat was davongetragen. Großflächig ist der Verschleiß zu seiner Rechten und zu seiner Linken, und etwas feiner an seinem Kern, rechts oben, um den Kartenschlitz. Man könnte auch sagen: um sein Herz. Ich denke an Joseph Beuys, der meinte, es sei egal, in welchem Beruf man sich verschleiße, aber verschleißen müsse man sich. Der Geldautomat hat das verstanden. Er ist fleißig, emsig, verletzbar und verletzt. Er macht trotzdem weiter. Er verschleißt sich.

Um die Ecke hat jemand einen Notenständer aufgebaut, eine Gitarre herausgeholt. Er singt Oasis: "I don’t believe that anybody feels the way I do about you now." So explizit hätte ich es nun nicht gesagt. Aber ja: möglich. Niemand empfindet gerade so für dich wie ich.

Das Licht wird schwächer, und die Fotografin der ZEIT, die den Auftrag hat, den Geldautomaten zu fotografieren, nimmt sich einen Augenblick mit ihm allein und versperrt denen den Weg, die auch zu ihm wollen. Einer, der sich aufgereiht hat, klatscht ungeduldig in die Hände: "Hallo???" Und dann gibt es die, die irritiert ausschauen und sich nicht anders zu helfen wissen als das auszusprechen, was alle anderen, die auch da stehen und ebenso irritiert ausschauen, sehen können: "Sie fotografiert einen Geldautomaten." Niemand erwähnt, dass eine Frau vorbeikommt, auf deren zwei Pobacken "Po" steht, was, beide Pobacken zusammen betrachtet, Popo ergibt. Man könnte also sagen: Auf ihrem Popo steht Popo. Sagt aber keiner. Man sagt immer wieder: "Sie fotografiert einen Geldautomaten." Nur eine Ananas macht der Fotografin Konkurrenz. Sie liegt am Bordsteinrand und wird ebenso verbalisiert in der Logik: sagen, was ist. "Da liegt eine Ananas."