Soso, Kaffeetrinken nützt jetzt also der Gesundheit, neuen wissenschaftlichen Studien zufolge, denen wir selbstverständlich gerne glauben. Weintrinken soll ebenfalls förderlich sein. Das festigt unser Vertrauen in die Forschung. Mitten im Strom der schlechten Nachrichten sind derlei Meldungen etwas Positives.

Doch schon meldet sich die innere Moralpolizei: Wie unbekümmert darf man sich darüber freuen?

Steht in den Studien nicht auch, dass alles nur in (recht kleinen) Maßen zu konsumieren sei und dass infolge des verbreiteten Übermaßes Krankheit und früher Tod um sich griffen? Außerdem: Wo kommt der Kaffee her, wer erntet die Beeren und wer den Profit, welche Umweltschäden richtet die industrielle Weinwirtschaft an, und überhaupt – wie kann denn so ein Kleinkram die Stimmung eines aufgeklärten Menschen verbessern, der doch weiß, was zur gleichen Zeit Schreckliches geschieht? Tja, Spaß verdorben.

Wer sich trotzdem freut, auf Kaffee oder Wein, außerdem auf die kommenden Sonnentage, die Ferien oder das WM-Endspiel, der ist gefühllos. Oder aber er hat, ganz im Gegenteil, etwas Wesentliches begriffen: Der Mensch lebt nicht vom Kopf allein.

Nicht allein von Vorstellungen und Gedanken. Diese sind vielmehr Äußerungen seines Körpers, und eben nicht die einzigen. Zwar entsteht die Illusion, der Mensch sei wesentlich Geist, ganz unwillkürlich beim Lesen, Denken und Schreiben. Der Philosoph Descartes hatte sogar recht mit seiner Feststellung, dem Gedanken sei nur eine einzige Tatsache unanfechtbar gewiss: das Denken selbst. Aber dem am Schreibtisch arbeitenden, körperlich existierenden Herrn Descartes dürfte auf andere Weise ebenso gewiss gewesen sein, dass er, beispielsweise, auf etwas Hartem oder Weichem saß.

Der Mensch lebt nicht vom Kopf allein

Wir mögen also noch so sehr über das Weltgeschehen nachdenken oder uns von seinem anschaulichen Schrecken erschüttern lassen, unsere Körper leben währenddessen weiter, ja sogar mehrere Leben gleichzeitig, gewissermaßen. Sie sind krank oder gesund, melden sich mit Durst oder Hunger, frieren oder schwitzen. Der Körper kann selbst dann Genuss empfinden, wenn den Geist jene Bilder verfolgen, denen heutzutage niemand entgeht, Sie wissen schon, welche gemeint sind.

Wir sind Körper. Soziale Körper, das versteht sich von selbst. Körper, die einander Momente des Glücks verschaffen können, nicht zuletzt Hilfe in der Not oder Trost. Das kann auch eine mitgebrachte Flasche guten Champagners in schlechten Zeiten sein. Oder ein Lächeln.

Und weil das so ist, weil auch der Zeitungsleser kein abstraktes Wesen ist, sondern eines, in dessen Tasse gerade sehr konkret der Kaffee duftet, ist es jedermanns gutes Recht, die kleinen Freuden inmitten großer Tragödien zu genießen. Schon das Zubereiten des Kaffees verändert ja die Situation: Es geschieht außerhalb der reinen Vorstellungswelt, da gibt es Gerüche und Wasser und Hitze, es unterbricht die Kette der Gedanken, auch die der traurigen oder empörenden. Noch die niederschmetterndsten Nachrichten vom Kriegsgeschehen konnten den britischen Premierminister Winston Churchill nicht davon abhalten, in aller Ruhe ein langes Streichholz zu ergreifen und damit ein Loch in seine Havanna zu bohren, um sie anschließend am anderen Ende anzuzünden.

Wie sehr der Geist dem Körper folgt, lässt sich mithilfe einer überlieferten Übung chinesischer Weiser erfahren: Man stelle sich einen Punkt am eigenen Hinterkopf vor und ziehe dann die Gesichtsmuskeln in dessen Richtung. Das resultierende Lächeln, das mehr als nur die Lippen erfasst, erzeugt unweigerlich bessere Stimmung. Probieren Sie es aus.

Wenn der Körper anders handelt als bloß in Gedanken, mindert er deren Gewicht, und sei es nur vorübergehend. Aktion erfrischt. Genuss lockert. Und es ist mitnichten oberflächlich oder gar frivol, sich auf diese Weise Erleichterung zu verschaffen, oder, horribile dictu, Spaß.

Frivol hingegen ist etwas anderes: Die Wirklichkeit der Elenden schönzureden, zum Beispiel mit verlogenen Wortschöpfungen. Womit wir wieder beim Tagesgeschehen wären.