Die "Generale Ptholmei" von Martin Waldseemüller zeigt den in der Antike bekannten Teil der Welt. © Österreichische Nationalbibliothek

Die Österreichische Nationalbibliothek feiert in diesem Jahr ihr 650-jähriges Bestehen. Jeden Monat stellen wir in dieser Serie ein Objekt aus ihrer Sammlung vor.

Wo liegt die Türkei? Eine Kinderübung, seit es die Kartendienste im Internet gibt. Das Kärntner Tal unweit des Faaker Sees erscheint damit entweder ganz nah auf der regionalen Landkarte oder als winziges Pünktchen auf dem europäischen Kontinent.

Fast jeder denkbare Ort der Welt, auf Karten verortbar mit wenigen Tastatureingaben und Mausklicks – das ist nicht nur Algorithmen, Datenbergen und technologischem Fortschritt zu verdanken. Die Grundlage, auch für die digitale Kartografie, schuf ein griechischer Gelehrter, dessen Arbeit fast 1200 Jahre lang vergessen war und erst in der Renaissance wiederentdeckt wurde: Claudius Ptolemäus.

Ptolemäus gab nicht nur einem Weltbild seinen Namen, das eineinhalb Jahrtausende bestand hatte, so lange bis Kopernikus, Kepler und Galilei beweisen konnten, dass eben nicht die Erde das Zentrum des Universums sei. Er war Mathematiker, Astrologe, Philosoph, Musiktheoretiker und stürzte sich vor allem in die Geografie, die er mit mathematischen und astronomischen Grundlagen untermauern wollte.

Wie in vielen Disziplinen gingen große Teile des geografischen und kartografischen Wissens am Ende des Altertums verloren, jedenfalls im Abendland. Die Erde eine Scheibe, Jerusalem das Zentrum der Welt und ringsum das biblische Jenseits, so sah die Welt lange Zeit auf vielen Karten aus, die im mittelalterlichen Europa entstanden.

Erst mit dem Fall von Konstantinopel gelangte die Geographike Hyphegesis von Claudius Ptolemäus wieder nach Europa, ein Werk, dessen Erkenntnisse die Humanisten geradezu berauschten. Nun stand zudem der Buchdruck zur Verfügung, der die Verbreitung der jetzt wieder naturwissenschaftlich betriebenen Kartografie möglich machte.

Einer der wichtigsten frühen Kartendrucke ist die auf Ptolemäus beruhende Geographia von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1513, die nun im Rahmen der Jubiläumsausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek im Original zu sehen ist.

Von Ptolemäus selbst sind keine Karten bekannt. Der alexandrinische Gelehrte hatte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert versucht, die damals bekannte Welt, die Oikumene, festzuhalten. In einem Netz von waagrechten und senkrechten Linien gab er Positionen an, aus denen die Längen- und Breitengrade hervorgegangen sind. Er entwickelte Projektionsmethoden, um die Kugelform der Erde korrekt auf Papier wiedergeben zu können, er schrieb eine Anleitung zur Erstellung von Karten und verfasste einen Index der damals bekannten Gebiete und Regionen der Erde. Rund 8000 Orte hielt er dort fest – freilich waren die Ortsangaben ungenau, schließlich fuhr er nicht selbst als Landvermesser um die Welt, sondern trug Informationen von Reisenden, Händlern, Soldaten zusammen.

Erst um 1300 tauchte eine Kopie der ptolemäischen Geografie in Byzanz wieder auf, wurde nach Rom gebracht, ins Lateinische übersetzt und kam schließlich auch nördlich der Alpen an.

Die Geographia von Martin Waldseemüller, gedruckt 1513 in Straßburg, heute Teil der Kartensammlung der Nationalbibliothek, ist ein Prachtwerk unter den rund 50 erhaltenen, auf Ptolemäus beruhenden Kartenwerken der Renaissance. Der Frühdruck, der nun zu sehen ist, kam mit der Bibliothek der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger nach Wien, die um 1655 von Kaiser Ferdinand III. angekauft wurde. Spuren im engsten Sinn hat aber der Erstbesitzer hinterlassen, der Nürnberger Kosmograf Johannes Schöne. Er korrigierte mit schwarzer Tinte falsche Koordinaten, fügte Anmerkungen hinzu und nutzte die Karten, die er erst später zu einem Atlas binden ließ, zu Studienzwecken.

Einerseits hatte Waldseemüller die Angaben von Ptolemäus wortwörtlich genommen, nutzte sie als Anleitung zur wissenschaftlichen Geografie und zeichnete Karten nach den antiken Vorgaben. Doch längst hatten sich die Welt und das Wissen über sie verändert. Die 27 traditionellen Tabulae antiquae ergänzte Waldseemüller deshalb um 20 neue, regionale Karten, welche die Erkenntnisse seiner Zeit festhielten. In den Tabulae modernae ist also auch Amerika abgebildet, der neue Kontinent, dem Martin Waldseemüller wenige Jahre zuvor jenen falschen Namen gegeben hatte, der sich halten sollte. Karten sind schließlich nicht nur Abbilder vom geografischen Wissensstand über die Welt, sie sind auch ein Abbild der Weltanschauung.

Und die Suche nach so einem idealen Abbild ist längst nicht beendet. Auch hinter dem Google-Kartendienst Maps stecke, wie ein Manager des Konzerns einmal sagte, nichts weniger als das "nie endende Streben nach der perfekten Landkarte".

Das Original der "Geographia" ist bis zum 31. Juli im Prunksaal der Nationalbibliothek zu sehen. Am 5. Juli findet ein Vortrag dazu statt.