Stiernackig. Durchtrainiert. Niemand hatte diese Kerle je zuvor in der Biker-Kneipe im Westerwald gesehen. Einer von ihnen sprach wie ein Bayer, ein anderer wie ein Norddeutscher. Gute Gäste, sagt der Wirt, ein Steak, und noch eins zum Nachtisch, dazu viel Bier. Jede Woche rückten die neuen Rocker zu ihrem Stammtisch an. Der Aufdruck auf ihren T-Shirts: rot und weiß. Die Farben der Hells Angels. Auch die Schrifttype. Jeder Biker kennt sie. Eine Weltmarke, eingeführt wie Coca-Cola. Vielleicht las sich deshalb das Wort "Helles" im Emblem der Truppe auch wie "Hells" bei den Angels. "Schnelles Helles" stand da. Sie hatten sogar Bierdeckel damit bedruckt.

Die Stammtischrunde war nicht da, als eines Tages echte Hells Angels in der Biker-Kneipe saßen. Einer trat beim Zahlen an den Tresen und bat den Wirt, den Neuen doch auszurichten, dass sie ihre Abzeichen etwas verändern mögen. Es sei ein freundliches Gespräch gewesen, erinnert sich der Wirt. Er richtete es den Gästen so aus, die sich bald darauf nicht mehr dort sehen ließen.

Aktion abgeblasen. Denn der angebliche Rockerclub bestand aus Polizisten, gecastet in Landeskriminalämtern und beim BKA. Der Auftrag: die Hells Angels zu provozieren. Aber der Charter, so nennen die Rocker ihre Ortsgruppen, für den der Köder ausgelegt war, biss nicht an. Observationen, angezapfte Telefone, über die Freisprechanlage im Auto abgehörte Gespräche und die als Rockerclub getarnte Polizeitruppe – zwei Jahre lang hatten sich Polizeibeamte an die Fersen der Hells Angels aus dem Charter Bonn geheftet.

Der Bundesgerichtshof hob die Verurteilung wegen Totschlags gegen Becker 2011 auf

Seit zwei Jahren stehen anfangs acht und jetzt noch fünf angeklagte Rocker vor der 2. Staatsschutzkammer am Landgericht in Koblenz. Sie sollen einen "Alleinvertretungsanspruch" in der lokalen Biker-Szene erhoben und andere Clubs gemaßregelt, bedroht und in fünf Fällen einen anderen Rocker geschlagen haben. Aus den ursprünglich anberaumten zwölf Prozesstagen sind mehr als 100 geworden. Die im Gerichtsgebäude postierten Polizisten in Kampfmontur sind inzwischen abgerückt. Keiner der Angeklagten gilt mehr als gefährlich. Nach fast zweieinhalb Jahren wurde als Letzter der Präsident des Clubs aus der Untersuchungshaft entlassen.

Es war nicht die Schwere oder Anzahl der zu verhandelnden Gesetzesbrüche, die das Verfahren so aufwendig macht. Relevanz bekommt es durch den Anklagepunkt Bildung einer kriminellen Vereinigung. Deswegen wird das Ganze vor einer Staatsschutzkammer verhandelt. Der Bundesinnenminister hatte die Hells-Angels-Gruppe zur Prozesseröffnung nach dem Vereinsgesetz verboten, die Polizei hatte daraufhin im Clubhaus in Neuwied die Einrichtung demoliert.

Die Hells Angels vor Gericht, da denkt jeder an schwere Straftaten, an Zuhälterei, Erpressung, Gewaltdelikte. Die Geschichte dieser Rockergruppe ist eine Geschichte der Gesetzesverstöße. Aber in diesem Fall ist alles komplizierter. Die in Koblenz angeklagten Rocker sind weder als Türsteher tätig noch im Rotlichtmilieu verstrickt. Sie sind Zimmerer, Dachdecker und Kaufleute. Mit ihnen steht ein sogenannter Old-School-Charter vor Gericht, der in seinem 20-jährigen Bestehen weder das LKA noch Europol beschäftigt hat. Der Präsident der Truppe, Karl-Heinz Becker, ist in der Szene als Wortführer jener Traditionalisten bekannt, die zu verhindern versuchen, dass die Clubstrukturen für schmutzige Geschäfte ausgenutzt werden. Oder kann es sein, dass hinter der Nettigkeit von Becker ein Ablenkungsmanöver steckt?

Die Atmosphäre im Saal war vom ersten Tag an von etwas bestimmt, das sich nicht verhandeln lässt. Im Englischen nennt man das, was jeder sieht, aber niemand nennt, the elephant in the room. Der Elefant im Raum. Jeder sieht ihn, aber niemand spricht darüber. Der Elefant ist in diesem Fall eine ganze Elefantenherde: die Rockermafia.

Vieles geht zurück auf ein sieben Jahre altes Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH). Damals hatte das Landgericht Koblenz den Angeklagten Karl-Heinz Becker wegen eines tödlichen Schusses auf einen Polizeibeamten zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Doch der BGH hatte ihn im November 2011 vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Becker hatte sich, nachdem er kurz vorher vor einem Mordanschlag verfeindeter Rocker gewarnt worden war, laut BGH in einer Notwehrsituation geglaubt, da sich die maskierten Männer, die ihn nachts in seinem Haus überfielen, nicht als SEK-Beamte zu erkennen gegeben hatten. Probleme mit der Polizei hatte der Konditor davor nicht gehabt. Der Ankläger von damals, Oberstaatsanwalt Walter Schmengler, und auch zwei der Verteidiger, Rüdiger Böhm und Michael Oberwinder, sind dieselben geblieben, bis heute.