Vor einiger Zeit stand ich mit dem Wunsch nach etwas Bargeld vor einem Geldautomaten im Leipziger Hauptbahnhof in einer Warteschlange. Ich befand mich in Hab-Acht-Position, vor mir hackte bereits eine ältere Dame etwas umständlich in die Tastatur, während hinter mir ein unauffälliger Mann im Kurzarmhemd gerade seine Aktentasche mit einem leisen Seufzer auf dem Boden abstellte.

Als ich kurz den Kopf wendete, um das Kind, das draußen in der Bahnhofshalle vor dem stickigen Geld-Ausgabe-Häuschen wartete, mit einem kurzen Kontrollblick zu bedenken, musste der Geldautomat frei geworden sein. Der Aktentaschen-Mann war indes umgehend an mir vorbei zum Gerät gehastet und befand sich offenbar bereits im Stadium der Geheimzahl-Eingabe.

Normalerweise hätte ich ihn gewähren lassen, aber ein unzureichend beaufsichtigtes Kind ist nun einmal kein sehr sanftes Ruhekissen. So rief ich ihm ein freundliches "Entschuldigung, ich glaube, ich war erst an der Reihe ...!" in den Nacken, als er sich umdrehte und mir entgegenschleuderte: "Da kann ich doch nichts dafür, wenn Sie schlafen!"

Meinen kleinen Deeskalationsversuch brach er unwirsch mit dem Imperativ ab, ich solle jetzt gefälligst den Mund halten.

Als ich schließlich – endlich das Geld abhebend – mit ein paar Umstehenden belustigte Blicke austauschte, schickte er mir ein wütendes "Sie brauchen gar nicht zu lachen!" hinterher.

Ich gebe zu: Mir war kurz wirklich nicht zum Lachen zumute. Sogar der Satz "In der Schweiz wäre das niemals passiert!" schoss mir durch den Kopf, doch meine diszipliniert funktionierende Verdrängungsarmee marschierte umgehend schwer bewaffnet auf, sodass ich diese unliebsame Szene bald vergaß.

In jüngster Zeit habe ich öfter das Gefühl, dass sich Gelegenheiten häufen, in denen man sich fragt, wo sie eigentlich hin ist – die altmodische Höflichkeit, die Kindern doch noch vor wenigen Jahren als nicht unwesentliches Programm auf die Erziehungsfestplatte zu laden versucht wurde. Irgendetwas muss mit uns passiert sein.

Nie war mir das so gewärtig wie unmittelbar nach meiner Rückkehr aus der Schweiz nach Leipzig. Wir hatten einige Jahre in Zürich gelebt, wo der Fahrer der Buslinie, die ich tagtäglich nutzte, um zur Arbeit zu fahren, die Fahrgäste mit einem herzlichen "Uf Wiederluege mitenand, ich wünsch Ihnä no ganz e schöns Tägli!" zu verabschieden pflegte, wenn die Endhaltestelle erreicht war.

Die Aussteigenden artikulierten dann wiederum mindestens ein artiges, aber deutliches "Ade!" in Richtung des Fahrers, wenn sie den Bus verließen.

Man kann ein solches Verhalten leicht für spießig, diskret verlogen oder übertrieben höflich halten, doch bei mir löste es immer wieder Fröhlichkeit aus.

Zurück in Leipzig, fiel mir deutlich auf: Hier tönte alles "a chlii bizzli" anders. Das fing mit dem Ton an, in dem der Busfahrer die Passagiere von den Türen fortjagte, wenn diese sich nicht sofort schließen ließen. Es erstreckte sich weiter über die permanenten Befehle reklamierbesessener Kunden an Verkäufer, die ihrerseits pampige Repliken zurückgaben und das Wechselgeld mürrisch ins Kassenschälchen warfen, bis hin zu der Missgelauntheit an Schnittstellen großstädtischer Kommunikation: das Schweigen in Fahrstühlen, der Argwohn gegenüber Fremden an der Bushaltestelle. All das ist nicht besser geworden.

Die unwirsche Art, in der man angeherrscht wird, wenn in der Straßenbahn nicht alles reibungslos klappt, der Geruch, den Passagiere mit ihrer glutamatösen Styroporbox vom Chinesen im Zugabteil verströmen – es deutet vieles darauf hin, dass die Werbekampagne "Du bist Deutschland" grundlegend missverstanden und mit der Bedeutung "Du bist der Nabel der Welt" verwechselt worden ist.

So seien die Menschen eben, wird mir oft entgegengehalten. Ich solle mich nicht aufregen.

Ich mache mir trotzdem Gedanken über die kulminierende Ruppigkeit im öffentlichen Raum. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten: Vorgetäuschte Freundlichkeit ist ein Medikament, das vielerorts wirkt. Höflichkeit ist ein Wert, der die Gesellschaft wie Kitt zusammenhalten kann, auch über raue Zeiten und vor allem über große Unterschiede zwischen den Menschen hinweg. Es ist an uns, genau dies gerade jetzt wieder ein bisschen zu leben – oder besser: zu beleben.

Um die Schlechtgelaunten kümmert sich das Leben ohnehin:

So sah ich auch den hastigen Geldautomaten-Vordrängler kürzlich überraschend wieder. Es war an einem Frühsommerabend, die Sonne gab bei ihrem Untergang über der Leipziger Innenstadt noch einmal das Beste. Der Mann lehnte am Stehtisch eines Currywurst-Büdchens. Er verzehrte zufrieden eine Portion Pommes, als ein etwa 200-köpfiger Tanztheater-Flashmob sich vom Markt her in Richtung der Imbissbude bewegte und exakt vor seinem Stehtisch haltmachte – um dann jede seiner Bewegungen in Zeitlupe nachzuahmen oder ihm einfach mit 400 Händen zuzuwinken. Etliche Passanten blieben stehen, schmunzelten, einige filmten das Ganze mit ihren Smartphones. Der Mann wirkte ein wenig ratlos, er wusste der Situation nichts entgegenzusetzen. Einen Augenblick später hatte sich der Pulk der Tanzenden schon wieder in der Menge der Passanten aufgelöst.

Mir erschien das alles wie ein beruhigendes Zeichen. Als habe sich das Leben auf sanfte Weise revanchiert.