Die Nachricht, die für Leppersdorf in Ostsachsen die Welt verändern sollte, kam im Juni 2017. Leppersdorf: Das ist ein schöner Ort mit grünen Wiesen, kleinen Häusern und einem großen Milchwerk. Die Unternehmensgruppe Theo Müller, besser bekannt als Müller Milch, stellt dort Joghurt her, H-Milch, Butter, Produkte vom Instant-Milchschaum namens "Latte Crema" bis zum Sauermilchkäse, seit vielen Jahren schon. Im Juni 2017 aber kam von Müller Milch eine besondere Nachricht. Leppersdorf sollte Stammsitz werden, die Zentrale sollte hierherziehen. Nicht die des Großkonzerns Müller Milch insgesamt. Aber immerhin die von Homann Feinkost, einer Tochterfirma aus Dissen am Teutoburger Wald in Niedersachsen.

Homann ist Marktführer für Feinkostsalate in Deutschland. Seit über 140 Jahren im Geschäft, 3000 Mitarbeiter an sechs deutschen und zwei polnischen Standorten. Jahresumsatz mit Dressings, Saucen und Feinkostsalaten: 640 Millionen Euro. Auch Homanns Produktion, hieß es, werde von 2020 an in Leppersdorf gebündelt.

Der erste Großkonzern, der im Osten nicht nur Produktionsstandorte eröffnet, sondern seine Zentrale in den Osten verlegt! Der hier künftig seine Gewinne versteuert. Alle jubelten, vom Leppersdorfer Bürgermeister bis zum sächsischen Wirtschaftsminister. Was für eine Nachricht! Die Zeitungen waren voll des Lobes, die Leppersdorfer voll der Freude.

Und jetzt, um der Euphorie gleich Einhalt zu gebieten, kommt doch alles ganz anders. Jetzt wurde entschieden, dass Leppersdorf doch nicht Unternehmenssitz von Homann werden wird. Und deshalb erzählt diese Geschichte plötzlich nicht, wie erstmals ein westdeutscher Konzern beschloss, in den Osten zu gehen. Sondern: wie gering die Chancen auf solch ein Projekt sind, wenn der Westen erst einmal anfängt, sich zu wehren. Wenn, in diesem Fall, ein kleiner niedersächsischer Ort wie Dissen anfängt, sich zu wehren.

Man kann mit Theo Müller nicht direkt reden, und sein Müller-Konzern kommuniziert nur spärlich – wie viele, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen, ebenfalls nicht persönlich reden. Aber rekonstruieren lässt sich der ganze Vorgang doch.

Homann Feinkost ist ein Traditionsunternehmen. 2012 übernahm Theo Müller diesen Konzern, der berühmteste Milchbaron der Bundesrepublik. Müller macht Millionen mit Milch. Und Müller macht, worauf er Lust hat. Er ist 78, gilt als eigenwillig und sprunghaft. Er ist einer der reichsten Deutschen, und das hat er selbst geschafft: 1971 übernahm er von seinem Vater die Dorfmolkerei mit nur vier Angestellten. Der "Joghurt mit der Ecke" ist sein größter Marketingerfolg.

In Leppersdorf ist Müller seit 1994 aktiv, damals kaufte er das im Bau befindliche Gebäude der Sachsenmilch AG, expandierte und machte es zu einer der modernsten Molkereien in Europa. Man sagt, in Leppersdorf wohne keine Familie, in der nicht wenigstens ein Familienmitglied bei Sachsenmilch arbeitet. Bei Sachsenmilch wird von Montag bis Sonntag produziert. 2300 Mitarbeiter hat die Molkerei. Sie erzeugt ihren eigenen Strom (der Verbrauch ist etwa so hoch wie der einer Kleinstadt), hat eine eigene Becherproduktion, eine Lkw-Werkstatt und ein Logistikzentrum.

Der Betriebsratschef aus dem Teutoburger Wald redet von Sachsen, als sei es Sibirien

Die Idee, seine Neuerwerbung Homann nach Leppersdorf zu holen, kam Theo Müller offenbar aus Kostengründen. Fünf Produktionsstätten von Homann sind veraltet. Statt diese Werke zu sanieren, wollte man ein einziges neues Werk bauen. Und warum nicht in Leppersdorf, im Osten? "Ein langfristig profitabler Betrieb der Werke ist nicht mehr möglich", hieß es in der Pressemitteilung vor gut einem Jahr. Ein neues Werk in Leppersdorf sollte alle Probleme lösen.

Die Bedingungen schienen günstig, schon weil der Osten seine alten Vorteile immer noch ausspielen kann: günstige Flächen, günstige Löhne. Gegenüber von Müllers Leppersdorfer Milchwerk sollte die neue Feinkostsalat-Fabrik gebaut werden. Wie Sachsen jubelte, als man die Pläne verkündete!