Wären die Fetzen geflogen, wenn wir zu Wort gekommen wären? Mitte Juni lud die Bundeskanzlerin zum zehnten Mal zum Integrationsgipfel. Das führte im Vorfeld zu heftigen Debatten unter den Migrantenorganisationen, ob ein gemeinsames Positionspapier für den Gipfel das Richtige sei. Doch davon bekam die Öffentlichkeit nichts mit. In den Medien bestimmte der Streit zwischen Seehofer und Merkel die Schlagzeilen, und offenbar hatte die Bundesregierung kein Interesse daran, dass der sonst beschworene Pluralismus zum Tragen käme.

Der fundamentale Streit über den richtigen Weg in der Integrationspolitik, er durfte beim Gipfel nicht sichtbar werden. Nur die Vertreter einer Position erhielten Gelegenheit, im Bundeskanzleramt ihr Papier komplett vorzustellen und es zu verteilen. Auch bei der anschließenden Bundespressekonferenz mit der Kanzlerin wurde nur eine Position vorgetragen – und zwar von Ferda Ataman, Sprecherin der Neuen Deutschen Organisationen (NDO). Ataman hatte bereits beim Gipfel 15 Minuten Redezeit gehabt; ebenso Ferhad Dilmaghani als Vertreter von Deutsch Plus (im Netzwerk der NDO) sowie die Gleichgesinnte Marta Neüff vom Polnischen Sozialrat, die das komplette Positionspapier einer Mehrheit der Migrantenverbände vortrug – unter dem von der Kanzlerin befürworteten Titel "Gemeinsam Demokratie stärken, gemeinsam Werte leben".

Der Titel klang gut. Das Thema des Gipfels auch: "Heimat, Werte und gesellschaftlicher Zusammenhalt". Merkel hatte vorab ein Positionspapier der Migrantenorganisationen erbeten. Schnell stellte sich heraus, dass es keinen Konsens geben würde. Während die Vereinigungen, zu denen auch die NDO gehören, ein Papier aus der Opferperspektive vorlegten, forderten andere Migrantenorganisationen wie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland (BAGIV), deren Sprecher ich bin, eine selbstkritische Position, die nicht alle Integrationprobleme der Mehrheitsgesellschaft und dem Staat auflädt. Das wurde von den Verfassern des offiziellen Gipfelpapiers völlig ignoriert. So kam es zu einem zweiten Positionspapier, das noch vor dem Gipfel an das Bundeskanzleramt übergeben wurde.

Was stand in den beiden konkurrierenden Papieren? Das offizielle Plenumspapier sagte vereinfacht: Wir Migranten sind hier, und ihr müsst uns so nehmen, wie wir sind! Unser Papier dagegen forderte den Einsatz auch der Migranten für eine gelingende Integration. Es wurde vom Bundeskanzleramt zwar zur Kenntnis genommen, aber während des Gipfels tat man, als ob es nicht existierte. Weder durften wir es im Plenum vorstellen noch gedruckt auslegen. Stattdessen gab es die drei einvernehmlichen Redebeiträge von je etwa 15 Minuten Länge. Bei der Debatte danach hatte jeder Redner etwa zwei bis drei Minuten. Auch ich selbst konnte nur kurz sagen, dass es einen Dissens unter den Migrantenorganisationen gibt – und ein zweites Positionspapier. Warum wurde der Streit unterdrückt?

Bislang war ich froh über den Integrationsgipfel als solchen. Seit dem Jahr 2006 sollte er den offenen Dialog zwischen Bundesregierung und Migranten stärken. Diesmal nahmen am Gipfel unter der Führung der Kanzlerin wieder bis zu 50 Migrantenorganisationen teil, dazu Vertreter von Bundesländern, Wirtschaft, Gewerkschaften und Religionsgemeinschaften. Insgesamt waren wir etwa hundert Teilnehmer. Die BAGIV, die das kritische Papier formulierte, ist der älteste und größte Spitzenverband der Migrantendachorganisationen. Sie ist Sprachrohr von etwa drei Millionen Migranten, verteilt auf 14 Verbände: Kurden, Spanier, Portugiesen, Vietnamesen, Serben, Kroaten, Assyrer, Armenier, Griechen, Ukrainer, Iraner. Darüber hinaus wurde unser Papier vom Bundesverband der Russischen Eltern und vom Netzwerk der Afrikanischen Verbände unterzeichnet. Warum wurden wir blockiert?

Es ist ja ein Verdienst von Angela Merkel, dass mit der Deutschen Islamkonferenz und dem Integrationsgipfel zwei Foren geschaffen wurden, auf denen die Migranten und der Staat auf Augenhöhe miteinander reden. Doch beide Konferenzen wirken mittlerweile wie Alibiveranstaltungen, die gerade nicht dem leidenschaftlichen Streit dienen, sondern dem Vorgaukeln eines Konsenses, den es nicht gibt. Warum? Offenbar ist es politisch erwünscht, dass Zuwanderer sich als Opfer präsentieren. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung wirkt das allerdings kontraproduktiv. Da helfen nur integrative Lösungsansätze auf der Basis gemeinsamer Werte – nicht einseitige Schuldzuweisungen.

Dass sich die Migrantenverbände nicht auf eine gemeinsame Erklärung einigen konnten, ist ja auch ein gutes Zeichen. Es beweist: Die sogenannten Migranten sind eben kein homogener Block. Sie sind wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft vielschichtig und unterschiedlich. Viele von uns sind längst besser integriert, als Politik und Medien glauben. Auch wir haben unterschiedliche Antworten auf die große Frage: Was geschieht, wenn Europa die Flüchtlingspolitik nicht gemeinsam und wertegesteuert angeht? Dann, so die Kanzlerin, "wird niemand mehr an unser Wertesystem glauben". Doch warum sendet Merkel in ihrer Integrationspolitik gegensätzliche Signale? Warum wird unser Wertesystem nicht nach innen verteidigt?

Die Bundesregierung hat leider auch diejenigen gestärkt, die sich einer Wertedebatte verweigern oder unser Wertesystem in Deutschland sogar ablehnen. Brisantestes Beispiel ist die Deutsche Islamkonferenz, in der ein aus der Türkei gesteuerter politischer Islam dominierte. So richtig es war, sich bundespolitisch gegen Islamfeindlichkeit zu positionieren, so unverständlich ist, dass die Bundesregierung mit Islamvertretern kooperiert, die eine antiwestliche Tradition propagieren und liberale Muslime ausgrenzen.