Angehörige der Bahai-Religion haben im Iran Hochschulverbot. Seit dreißig Jahren lernen sie im Untergrund. Wie studiert man, wenn Studieren illegal ist?

Wer sein Bachelorzeugnis unterschrieben hat, weiß Soheil bis heute nicht. Er weiß nur, wie er es bekam. Um sein Zeugnis zu erhalten, musste Soheil eine SMS schreiben, an eine verschlüsselte E-Mail-Adresse. Zwei Wochen später klingelte sein Telefon, auf dem Display eine unterdrückte Nummer. "Sind Sie zu Hause?", fragte eine Stimme. Momente später klingelte es an seiner Teheraner Wohnungstür, ein Unbekannter drückte ihm einen Umschlag in die Hand, setzte sich auf sein Moped und fuhr davon. Im Umschlag war Soheils Zeugnis. Unterschrieben vom Präsidenten seiner Universität. Einem Mann, dessen Identität geheim ist.

Soheil ist Absolvent einer illegalen Universität. Sie hat keine Mensa, keinen Campus, keine Büros, noch nicht mal eine Anschrift. Man kann diese Uni nicht besuchen, man findet sie nur über Kontakte. Ihre Studierenden und Dozenten müssen sich verstecken. Deswegen nennt dieser Text nicht ihre echten Namen.

"Wir wissen, dass wir überwacht werden."
Studentin der BIHE

Soheil hat Architektur studiert am Bahai Institute for Higher Education, kurz BIHE – der Universität der Bahai, einer verfolgten religiösen Minderheit im Iran. Anfang der Achtzigerjahre verbannte man sie von den Hochschulen, verbot ihnen, akademisch zu lehren oder zu studieren. Einige arbeitslos gewordene Professoren gründeten deswegen das BIHE. Die Abschlüsse, die die Bahai seither in geheimen Kellern und Wohnzimmern machen, werden mittlerweile von 90 Unis auf der Welt anerkannt, etwa von Harvard, Yale, Berkeley und sieben Unis in Deutschland.

An einem Frühlingsabend sitzt Soheil auf einem bunt bestickten Sofa in seinem alten Seminarraum. Eigentlich ist der Raum ein Wohnzimmer: Ein junges Ehepaar wohnt hier. In der Küche köchelt vegetarischer Linseneintopf, die abgelegten Kopftücher baumeln an der Garderobe. Soheil und elf Frauen und Männer diskutieren über "Wahrheit und Realität", das Thema der heutigen Englischstunde. Ein Dozent moderiert.

Soheil arbeitet längst in einem Architekturbüro, doch einmal in der Woche kommt er noch hierher. Eine 27-jährige Studentin steht auf, sammelt alle Handys ein, schaltet sie aus, hebelt die Akkus heraus und legt alles im Nebenraum unter ein Kissen. Es ist Schirin, Soheils Freundin, die ebenfalls Architektur studiert. "Wir wissen, dass wir überwacht werden", sagt sie.

Aber nun können sie frei reden, über ihr Leben, die Situation der iranischen Bahai und ihre geheime Universität. Schirin und Soheil sehen aus wie viele gebildete Iraner mit Ende zwanzig: Sie tragen enge Jeans und Wollpulli.

"Wir sind es gewohnt, uns zu verstecken", sagt Soheil. "Das hier ist illegal, aber wir müssen es machen. Bildung ist ein Menschenrecht." Jeder in der Runde kennt jemanden, der schon mal im Gefängnis war – zum Beispiel Soheils Cousin. Momentan sitzen noch etwa 86 Bahai wegen ihres Glaubens in Haft, darunter vier BIHE-Dozenten.

Seit dem 19. Jahrhundert werden die Bahai im Iran verfolgt

Wie der Englischkurs finden alle Veranstaltungen der geheimen Uni in Privatwohnungen statt – meist abends und am Wochenende, damit Leute aus anderen Städten nach Teheran pendeln können. Die Standorte schicken sie sich in verschlüsselten Chats des Messenger-Dienstes Telegram. Immer wieder mieteten sie auch mal ein ganzes Bürogebäude an, doch jedes Mal stürmten Sicherheitskräfte die Räume, verhafteten viele.

Für den iranischen Staat sind die Bahai Abtrünnige: Im 19. Jahrhundert spalteten sie sich als eigenständige Religion vom schiitischen Islam ab. Seitdem werden sie verfolgt. Schon für die Schahs waren sie Staatsfeinde. In den Jahren nach der Islamischen Revolution 1979 wurden über 200 von ihnen hingerichtet oder starben im Gefängnis.