Sie könne jedem nur empfehlen, auch noch spät etwas Neues zu wagen, sagte Judith Kerr kurz vor ihrem 95. Geburtstag. "Die Menschen werden ja immer älter!" Lautes Lachen im Publikum, ein Lächeln im Gesicht der alten Dame. Es ist Ende Mai, als Judith Kerr beim Literaturfestival in der kleinen walisischen Stadt Hay-on-Wye auf der Bühne sitzt. Eine zarte Erscheinung im blauen Kleid, mit grauen Locken und dunkler Hornbrille, Perlenkette und Handtasche. Very British erzählt sie da oben aus ihrem Leben und liest in einem Saal mit Hunderten Kindern und Eltern noch einmal ihr allererstes Bilderbuch vor: The Tiger Who Came to Tea (auf Deutsch: Ein Tiger kommt zum Tee), erschienen vor 50 Jahren, als Judith Kerr 45 war.

In Deutschland verbinden ihren Namen viele mit dem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, in dem Kerr ihre Flucht vor den Nazis verarbeitete. In Großbritannien ist ihr Tiger der Klassiker. Die Geschichte ist so alltäglich wie magisch: Sophie und ihre Mutter sitzen zum Tee am Tisch, als plötzlich ein großer gestreifter Tiger vor der Tür steht. Hungrig ist er und wird sogleich in die Küche gebeten, wo ihm Mutter und Kind Sandwiches und Törtchen reichen, nicht ahnend, welche Schneise der Gefräßigkeit ihr wilder Gast hinterlassen wird. Als der Vater nach Hause kommt, ist das Abendessen vertilgt, der Kühlschrank leer, ebenso der Vorratsschrank. Sogar alles Wasser aus der Leitung hat der Tiger getrunken – was Sophie nicht unglücklich macht, erspart es ihr doch das abendliche Bad. Am nächsten Tag füllen Mutter und Tochter die Vorräte wieder auf und kaufen auch eine große Dose Tigerfutter – nur für den Fall. Doch der Tiger, heißt es auf der letzten Seite, kam nicht wieder.

"Humor", sagt Judith Kerr, "das ist für mich eine Lebenseinstellung." So erschütternd die Erlebnisse sind, von denen sie seit Jahrzehnten immer wieder erzählt und über die sie Bücher geschrieben hat, stets webt sie heitere, selbstironische kleine Anekdoten ein, die das Schwere leichter machen.

Ihr Vater, der große Theaterkritiker Alfred Kerr, war den Nazis verhasst. Die Familie floh 1933 zunächst in die Schweiz, später nach Paris und schließlich nach London, wo Judith Kerr auch heute noch lebt. Sicher war es schrecklich, als Kind verfolgt und vertrieben zu werden, das geliebte Stofftier zurücklassen zu müssen und auch im Exil um den Vater zu bangen. Trotzdem sagt Judith Kerr: "Ohne Hitler" hätte sie eine sehr viel weniger reiche Kindheit gehabt.

Es habe damals viele Menschen gegeben, die ihre Familie unterstützt hätten. Die so gastfreundlich waren wie die kleine Sophie und ihre Mutter in Kerrs erstem Bilderbuch. Die Wege fanden, um ihr und ihrem Bruder eine Ausbildung zu ermöglichen. So konnte Kerr, die schon als Kind gern und mit Talent gezeichnet hatte, die Kunstakademie besuchen. Realistisch zeichnen und malen, das reizte sie als junge Frau, nur war sie offiziell für das Fach Illustration eingeschrieben. Sie sei stets eine gute Schülerin gewesen, erzählt Kerr dem amüsierten Publikum in Wales. Ein einziges Mal sei sie durchgefallen: in Illustration. Auf die Kinderfrage aus dem Publikum, was sie denn früher habe werden wollen, antwortet sie: "Berühmt." Ausgerechnet mit Bilderbüchern und den ungeliebten Illustrationen sollte das gelingen. Fast ist es so, als habe sich das Leben einen Spaß mit ihr erlaubt.

Als sie zum ersten Mal vom Tiger herumfabulierte, hatte Judith Kerr gar nicht im Sinn, daraus ein Bilderbuch zu machen. Wie so viele andere Kinderbuchautoren erdachte sie diese Geschichte zunächst für ihr eigenes Kind. Als ihre Tochter zweieinhalb war, sei die "quite bossy", ziemlich herrisch, gewesen und habe von der Mutter regelmäßig verlangt: "Talk the tiger!" Dabei habe sie durchaus ein größeres Geschichtenrepertoire gehabt, und die anderen Erzählungen seien auch gut gewesen, wirklich! Doch das Kind wollte vom Tiger hören, dem majestätischen Tier, das es aus dem Zoo kannte.

Während in Großbritannien in diesem Sommer alle die Jubiläumsausgabe dieses Bilderbuchs feiern, bekommen die deutschen Leser zu Judith Kerrs 95. Geburtstag gleich zwei Neuerscheinungen: Die erste ist das Bilderbuch Meine Katze Katinka. Zwar ist Katinka wesentlich kleiner als der Tee-Tiger, magisch geht es aber auch in dieser Geschichte zu. Denn die Katze hat einen besonderen Schwanz und unternimmt nächtliche Flugabenteuer – was noch mal extra interessant ist, weil Judith Kerr tatsächlich eine Katze hat, die Katinka heißt.

Ohnehin spielen Katzen in Kerrs Leben und Werk eine bedeutende Rolle. Das sieht man in ihren Bilderbüchern über den Kater Mog und auch in der zweiten Neuerscheinung, der Autobiografie Geschöpfe. Mein Leben und Werk. Zu ihrem 90. Geburtstag hatte sie sich dieses Buch sozusagen selbst geschenkt, nun wurde es ins Deutsche übersetzt. Mit Texten, Fotos, Kinderzeichnungen und Illustrationen gewährt die große Künstlerin und Autorin uns einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben. Sie erzählt von der Arbeit und vom Entstehen der Bücher, von ihrer Familie – von den Eltern, ihrer Kindheit, den eigenen Kindern. Und von ihrem geliebten Mann Tom, der vor zwölf Jahren starb.

Wie sie heute in die Welt blicke, wurde Judith Kerr beim Literaturfestival gefragt. Eine Welt, in der jemand wie Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist, Großbritannien aus der EU austreten will und in Europa allerorts rechtspopulistische Kräfte erstarken. Sie antwortete mit zwei Erinnerungen. Als die Deutschen Großbritannien im Sommer 1940 im Blitzkrieg angriffen, habe sie gedacht, nun sei es vorbei. Getrauert habe sie um sich selbst, das 17-jährige Mädchen, das nun niemals mehr von der Welt sehen und verstehen würde. Zwanzig Jahre später habe sie im Kalten Krieg gebangt, dass nun die ganze Welt vom Kommunismus überrollt werde. "Beides", sagt Judith Kerr, "ist nicht geschehen."

Judith Kerr: Meine Katze Katinka. Deutsch von Mathias Jeschke; Sauerländer Verlag 2018; 32 S., 14,99 €; ab drei Jahren

Judith Kerr: Geschöpfe – Mein Leben und Werk. Deutsch von Ute Wegmann; Edition Memoria 2018; 176 S., 36,– €