DIE ZEIT: Herr Gniffke, Sie haben vergangenen Sonntagabend den Rücktritt von Horst Seehofer im Fernsehen sehr scharf kommentiert. Dann trat Seehofer doch nicht zurück – und Sie bekamen viel Kritik. War Ihr Auftritt in den Tagesthemen ein Fehler?

Kai Gniffke: Nein, das finde ich nicht. Fast jeden Tag gibt es in den Tagesthemen einen Kommentar. Den sollte man nicht aussetzen, wenn ein Bundesminister und Parteivorsitzender seinen Rücktritt anbietet.

ZEIT: Können Sie den Abend aus Ihrer Sicht schildern?

Gniffke: An so einem Tag muss man schauen, wann man überhaupt sendet. Man muss auch entscheiden, ob etwas so berichtenswert ist, dass man früher damit ins Programm geht. An diesem Tag war das alles andere als einfach. Auch Anne Will hatte sich vorher des Themas Regierungskrise angenommen. Die Gästeliste war entsprechend, alle haben darauf gewartet, eine Diskussion darüber führen zu können, was an dem Abend geschieht. Der ganze Abend war davon geprägt, mit einem Auge nach Berlin zu schauen und gleichzeitig zu überlegen: Okay, was ist jetzt das, was das Publikum wissen sollte?

ZEIT: Ihr Kommentar beginnt mit: "Endlich, möchte man sagen, der Rücktritt Horst Seehofers wäre eine Befreiung für Deutschland. Ich sage das ohne Schadenfreude." Um wie viel Uhr haben Sie das geschrieben?

Gniffke: Ich hatte den Kommentar kurz vorher fertig und habe ihn dann live gesprochen.

ZEIT: War Ihnen in dem Moment bewusst, dass Ihre Worte solch einen Shitstorm auslösen würden?

Gniffke: Nicht selten, wenn ich etwas öffentlich mache, gibt es einen Shitstorm. Eine bestimmte Klientel reibt sich an mir. Darüber bin ich mir bei jedem Kommentar, den ich spreche, bewusst. Bei diesem explizit habe ich aber auch viel positives Feedback bekommen. Wir wollen niemanden erziehen, sondern unterschiedliche Sichtweisen anbieten. Menschen sollen sich reiben können an einem Kommentar, dafür ist er da. Widerspruch ist auch eine erwünschte Folge.

ZEIT: Die Kritik richtet sich aber nicht gegen die journalistische Form, sondern bezieht sich darauf, dass nicht genug betont worden sei, dass der Rücktritt nur ein Angebot war.

Gniffke: Genau das habe ich kommentiert. Hätten Sie das nicht auch kommentiert?

ZEIT: Sie sagten: "Er hätte einen besseren Abgang verdient, aber jetzt war es Zeit." Das klingt nach einer Tatsache.

Gniffke: Es gibt ja zwei Ebenen der Kritik. Es gibt diejenigen, die pro Seehofer sind und sich inhaltlich aufregen. Dann gibt es diejenigen, die kritisieren, ich hätte einen Rücktritt kommentiert, der gar nicht stattgefunden hat. Was in meinen Augen nicht der Fall war. Zu dem Zeitpunkt war bestätigt, dass Seehofer seinen Rücktritt von allen Ämtern – als Bundesinnenminister und als Parteivorsitzender – angeboten hat. Das hat er ja später auch wortwörtlich so gesagt: Ich habe meinen Rücktritt angeboten und werde ihn in den nächsten drei Tagen vollziehen. Wenn Leute sagen, ich hätte einen Rücktritt kommentiert, sage ich: Ich habe die Entwicklung des Abends kommentiert. Darauf hat auch Caren Miosga in ihrer Anmoderation hingewiesen. Ich verstehe, dass die Leute das überhören, dass sie das nicht wahrnehmen, weil sie inhaltlich eine andere Position haben.