Es war ein Sonntag des Jahres 2009, an dem Alexandra Mertens-Schön zur Ausgestoßenen wurde. Als wäre sie eine Christin zweiter Klasse. Es kam nicht überraschend, sie war gewarnt, und man kann sagen, dass sie es in Kauf genommen hat. Wie tief es sie treffen würde, war ihr vorher aber nicht klar: Nicht gemeint zu sein durch den Aufruf des Pastors: "Selig sind alle, die geladen sind zum Mahl des Herrn." Ihrem Mann hinterherzublicken, der nach vorne ging, um die Kommunion zu empfangen, als Teil einer Gemeinschaft, aus der sie ausgeschlossen war. Sie, die evangelische Christin, verheiratet mit einem Katholiken. Neun Jahre ist das her, noch heute ist sie aufgewühlt, wenn sie von diesem Erlebnis spricht.

Ein katholischer Gottesdienst als Ursprung einer tiefen Kränkung, kann das im Sinne der Kirche sein?

Viel ist in den vergangenen Wochen gesprochen und geschrieben worden über den Kommunionsstreit. Die Menschen, die es betrifft, waren kaum ein Thema. Alexandra Mertens-Schön ist Protestantin, ihr Mann Katholik. Beiden ist es wichtig, gemeinsam die Kommunion in der katholischen Messe empfangen zu dürfen. Doch seit Wochen zankt sich die Deutsche Bischofskonferenz über diese Frage.

Die meisten Christen dürften diese Debatte als abstrakt empfinden, als theologisch-wissenschaftlich. Doch für manche Gläubige ist sie existenziell. Wenn man stichprobenartig in Gemeinden anruft, findet man fast überall in Deutschland Pfarrer, die von ähnlichen Fällen berichten.

Da ist ein Paar aus Hessen: Der Pfarrer ignorierte die zur Schale geformten Hände der Frau. Nach dem Gottesdienst kam er zu ihr: Als Protestantin sei ihr Handeln "eine Anmaßung".

Da ist eine Familie aus Württemberg: Der Sohn empfing mit der Mutter die Kommunion, der protestantische Vater blieb sitzen. Während des Wegs zurück vom Altar fragte das Kind: "Mama, hat Gott den Papa weniger lieb als uns?"

In Nordrhein-Westfalen und Sachsen erzählen zwei Ehepaare am Telefon dieselbe Geschichte: Der Partner habe die Hostie mit in die Bank gebracht, um sie dort gemeinsam zu brechen. Der Pfarrer habe sie daraufhin ermahnt, er wünsche in seinem Gottesdienst "keine Mitesser".

Die Erzählungen lassen sich genauso wenig prüfen wie die Frage, ob ein solches Verhalten durch Geistliche eine Tendenz oder seltene Ausnahme darstellt. Fakt ist aber, dass es Gläubigen in ganz Deutschland ähnlich geht wie der Familie Mertens: Solange die Partner die Kommunion nicht teilen dürfen, empfinden sie ihre Ehe als unvollständig.

Alexandra Mertens-Schön und ihr Mann berichten von ihrem Fall in Grüna, einem ländlichen Stadtteil von Chemnitz. Beide sind Mitte 40, er arbeitet als freiberuflicher Architekt, sie im Auslandsvertrieb eines Optikergeschäfts. Auf einer Kommode liegt ein Gebetswürfel, neben Kinder- und Familienbildern stehen zwei Taufkerzen. Durch das Fenster fällt der Blick auf den Garten, ein Familienidyll. Eigentlich.

Dass die Kommunion für sie tabu ist, lernte Alexandra Mertens-Schön schon im Vorbereitungsseminar auf ihre Hochzeit. Als Protestantin folge sie einer falschen Glaubenslehre. So sieht die katholische Kirche das bis heute, trotz aller Bemühungen um die Ökumene. Zumindest den Segen aber dürfe Alexandra Mertens-Schön erbitten: die rechte Hand aufs Herz, als Zeichen für den Pfarrer. Ein gezeichnetes Kreuz auf die Stirn anstelle des Leibs Christi.

"Okay", denkt sie sich noch vor ihrer Ehe, "damit komme ich klar." Am 24. Juni 2006 geben sich Alexandra und Christian Mertens das Eheversprechen. Sie fühlt sich als "glühende Protestantin", er als "verwurzelter Katholik", trotzdem finden beide auch dem Glauben nach zusammen: Sie heiraten nach katholischem Ritus in der evangelischen Kirche Wüstenbrand. Die Trauung gestalten zwei Pfarrer: einer der katholischen und einer der evangelischen Kirche.

Von nun an besuchen Alexandra und Christian Mertens gemeinsam den Gottesdienst, mal in der evangelischen, mal in der katholischen Kirche. Beide fühlen sich nur als Gast im Fest des anderen. Die Eucharistie feiern sie nie gemeinsam. Christian Mertens wäre als Katholik beim evangelischen Abendmahl willkommen, will aber nicht. Vielleicht hindert ihn das Gefühl, Gast zu sein. Vielleicht will er sich solidarisch zeigen gegenüber seiner Frau. Die geht bei der Eucharistie manchmal mit nach vorn und bittet um den Segen; oft bleibt sie als Einzige in der Bank zurück und sieht ihrem Mann hinterher, wie er mit all den anderen gemeinsam zum Altar schreitet, den Kopf neigt und die Hände zur Schale wölbt – um zu empfangen, was ihr verboten ist.