Mit Denis Johnson das Leben leicht nehmen

Wenn Denis Johnson in diesen fünf Erzählungen einen Menschen beschreibt, verrät er nicht, was er anhat oder wie seine Stimme klingt. Er sagt lieber Dinge, die abschließend und lebensendgültig klingen, wie "er hatte ein rundes, reines Gesicht, aus dem alle Traurigkeit und alles Glück längst getilgt waren". Der Band ist Denis Johnsons letztes Buch. Johnson, einer der bedeutendsten und melancholischsten Gegenwartsautoren Amerikas, ist im Mai 2017 im Alter von 67 Jahren an Krebs gestorben. Vermutlich hat er das Buch selber in einer lebensendgültigen Stimmung geschrieben. Und obwohl Johnson auch in diesem letzten Band noch immer so klingt, als schriebe er seine Sachen wie nebenbei im Auto auf leeren amerikanischen Überlandstraßen oder in windschiefen Coffeeshops, in denen alte Zausel ziellos ihre Zeit verquatschen, drehen sich diese Erzählungen sehr konzentriert um die großen end of life- Fragen. Entsprechend kommen sehr viele Sterbende darin vor. Link zum Beispiel, der auf dem Totenbett auf seine alte Freundin Liz wartet, die an Alzheimer erkrankt ist und niemanden mehr erkennt. Die beiden haben sich viele Jahre nicht gesehen, aber jeden Abend miteinander telefoniert.

Link ist der einzige Mensch, den Liz noch erkennt. Als sie gerade noch rechtzeitig bei Link aufkreuzt, sagt sie nur: "Schlaf schön, Linkie. Ich liebe dich." Eine Stunde später ist Link tot. Es gibt viele solcher nüchterner Abschiedsszenen, letzte Besuche und letzte Anrufe bei ehemaligen Ehepartnern und Freunden, Todesnachrichten von diesen und jenen Figuren, die den Weg der Erzähler nur flüchtig gekreuzt haben. Denis Johnson bewahrt sich in den großen tragödialen Momenten eine schnodderige Illusionslosigkeit, die von staubtrockener, uramerikanischer Schönheit ist.
Iris Radisch

Denis Johnson: "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau." Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell; Rowohlt Verlag, Reinbek 2018; 224 S., 24,– €