Endlich Sommer! – Seite 1

Mit Denis Johnson das Leben leicht nehmen

Wenn Denis Johnson in diesen fünf Erzählungen einen Menschen beschreibt, verrät er nicht, was er anhat oder wie seine Stimme klingt. Er sagt lieber Dinge, die abschließend und lebensendgültig klingen, wie "er hatte ein rundes, reines Gesicht, aus dem alle Traurigkeit und alles Glück längst getilgt waren". Der Band ist Denis Johnsons letztes Buch. Johnson, einer der bedeutendsten und melancholischsten Gegenwartsautoren Amerikas, ist im Mai 2017 im Alter von 67 Jahren an Krebs gestorben. Vermutlich hat er das Buch selber in einer lebensendgültigen Stimmung geschrieben. Und obwohl Johnson auch in diesem letzten Band noch immer so klingt, als schriebe er seine Sachen wie nebenbei im Auto auf leeren amerikanischen Überlandstraßen oder in windschiefen Coffeeshops, in denen alte Zausel ziellos ihre Zeit verquatschen, drehen sich diese Erzählungen sehr konzentriert um die großen end of life- Fragen. Entsprechend kommen sehr viele Sterbende darin vor. Link zum Beispiel, der auf dem Totenbett auf seine alte Freundin Liz wartet, die an Alzheimer erkrankt ist und niemanden mehr erkennt. Die beiden haben sich viele Jahre nicht gesehen, aber jeden Abend miteinander telefoniert.

Link ist der einzige Mensch, den Liz noch erkennt. Als sie gerade noch rechtzeitig bei Link aufkreuzt, sagt sie nur: "Schlaf schön, Linkie. Ich liebe dich." Eine Stunde später ist Link tot. Es gibt viele solcher nüchterner Abschiedsszenen, letzte Besuche und letzte Anrufe bei ehemaligen Ehepartnern und Freunden, Todesnachrichten von diesen und jenen Figuren, die den Weg der Erzähler nur flüchtig gekreuzt haben. Denis Johnson bewahrt sich in den großen tragödialen Momenten eine schnodderige Illusionslosigkeit, die von staubtrockener, uramerikanischer Schönheit ist.
Iris Radisch

Denis Johnson: "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau." Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell; Rowohlt Verlag, Reinbek 2018; 224 S., 24,– €

Holz, Körper, Leinentuch

Mit Teju Cole das Unspektakuläre lieben

Geist ist die Gabe, zwei Dinge zu verknüpfen. Zum Beispiel Fotos und Texte – wie es Teju Cole in seinem jüngsten Buch Blinder Fleck tut. Der 1975 geborene nigerianische Schriftsteller, der heute in den USA lebt, ist nicht nur einer der größten Sprachbeschwörer, bei dem Worte, Ideen, Anschauungen und Erkenntnisse immer wie in eins fließen, er ist auch Fotograf. Seine Fotografien zeigen weder das Schöne noch das Dramatische, noch überhaupt etwas evident Bedeutungsvolles. Sie halten das zufällige Nebeneinander der Dinge fest. Indes, und hier kommt wieder der Geist ins Spiel, verknüpft Cole dieses Nebeneinander so, dass die Welt plötzlich wie aus neuen, so noch nie wahrgenommenen Verbindungslinien zu bestehen scheint. Ein Mann, der in Lagos auf einem Holztisch schläft, wird zu einem Echo des Gekreuzigten: Holz, Körper, Leinentuch.

Ein Foto zeigt Abbildungen von Flugzeugen. Der entsprechende Text berichtet von einem Ehepaar, das 1930 bei einem Verkehrsunfall stirbt. Ihr Sohn wird später eine Fluggesellschaft gründen und 2014 im Alter von 84 Jahren sterben. Es ist die reine Kontingenz. Keine bedeutungsvolle oder gar symbolische Erzählung entfaltet sich. Dafür die Melancholie einer Welt, in der die Dinge zufällig verknüpft sind, ohne einen höheren Sinn zu ergeben. Aber die Kontingenz auszuhalten kann selbst ein erhabenes Gefühl sein. In Nürnberg fotografiert Cole den Vorhang seines Hotelzimmers, der im Sonnenlicht regelmäßige Falten wirft. Dann erwähnt er Dürer, der Leonardos Begabung bewunderte, im Faltenwurf eines Gewands Gestalt, Bewegung und Licht sichtbar zu machen. Und Cole schreibt: "Tuchfalten sind Stoff, der über sich selbst nachdenkt." Coles Fotografien sind Bilder, die darüber nachdenken, was wir wahrnehmen, wenn wir die Welt wahrnehmen.
Ijoma Mangold

Teju Cole: "Blinder Fleck." Aus dem Englischen von Uda Strätling; Hanser Berlin 2018; 352 S., 38,– €

Politische Literatur mit humoristischer Geschmacksverstärkung

Mit Torsten Schulz durch Skandinavien in Prenzlauer Berg

Mittelmäßige Romanhelden sind erzählerisch oft recht ergiebig. Ihr Charakter hat Luft nach oben, ihre Persönlichkeit Entwicklungspotenzial. So ist es auch mit Matthias Weber. Der Durchschnittstyp staunt selbst darüber, dass ein kämpferischer Idealist in ihm steckt. Viele Jahre hat er sich in Los Angeles und Südafrika rumgedrückt, sein Geld mehr schlecht als recht als Journalist verdient, bis seine gefälschten Star-Interviews aufflogen und Liebhaberinnen von seinem Parasitentum die Nase voll hatten.

Nun, fast fünfzig Jahre alt, kehrt der Schlawiner an den Ort seiner Kindheit zurück: ins Ostberliner Skandinavische Viertel, nach dem der neue Roman von Torsten Schulz benannt ist. Da er die Wohnung seiner verstorbenen Großmutter zu einem Spottpreis bekommen kann, kauft Weber sie kurz entschlossen und bald darauf noch drei andere Wohnungen. So zufällig wie in alles andere rutscht er ins Immobiliengeschäft. Es war nicht sein Plan, aber plötzlich ist er Makler. Ein Makler allerdings, wie ihn der Prenzlauer Berg, an dessen nordwestlichem Rand das Skandinavische Viertel liegt, noch nicht gesehen hat. Matthias Weber findet im Kampf gegen die Gentrifizierung seine Berufung. Er verkauft und vermietet nur an Leute, die ihm persönlich zusagen. Immobilienhaie und Investmentkonzerne gehören definitiv nicht dazu. In einer Mischung aus Nostalgie und antikapitalistischem Starrsinn verteidigt Weber das Milieu der Eckkneipen und billigen Mieten gegen die Rollkofferinvasion.

Romane mit politischer Schlagseite kommen ja oft schwerfällig und humorfrei daher. Das ist hier schon deshalb nicht der Fall, weil sich der Zufallsidealist Weber in die literarische Tradition der Schelme einreiht. Sein Verhältnis zur Wahrheit ist, gelinde gesagt, unkorrekt, die Topografie des Romans ist es ebenfalls. Man sollte einige der Straßen, die durchweg skandinavische Namen haben, nicht auf dem Berliner Stadtplan suchen. Sie entspringen der Fantasie des Helden, der sich als DDR-Kind die Zeit damit vertrieb, diese Straßen in seinen Tagträumen umzutaufen und sein Viertel somit in eine komplette skandinavische Fantasiewelt umzudeuten.

Erstaunlich leicht bewegt Torsten Schulz, der sich schon mit Boxhagener Platz als Spezialist für Sozialstudien aus dem urbanen Mikrokosmos bewiesen hat, erstaunlich viel Stoff.

Zwischen die Anekdoten aus dem Immobiliengeschäft schmuggelt er in seinem neuen Roman noch allerhand Zeit- und Familiengeschichte. Die Geheimnisse von Webers Eltern, Großeltern und einem trinkfesten Onkel reichen bis in die Nazi-Zeit zurück und weit über die Wende hinaus. Aber das Historische lastet auf der Geschichte so wenig wie das Politische. Man liest es mit Interesse und freut sich auf die nächste Szene, wenn der Makler Matthias Weber wieder einmal Kunden abblitzen lässt, weil sie seiner Meinung nach nicht ins Skandinavische Viertel passen. Politische Literatur mit humoristischer Geschmacksverstärkung – geht doch.
Ursula März

Torsten Schulz: "Skandinavisches Viertel." Roman; Klett-Cotta, Stuttgart 2018; 265 S., 20,– €

Der normale Luxus besteht aus Handgriffen

Mit Dirk van Laak in die Röhren eintauchen

Schalter berühren, das Licht geht an. Bisschen kühl im Bad, Heizung einen Tick aufdrehen. Alsbald spülen, Wasser rauscht, Becken leert sich. Noch mal den Schalter, Licht aus. Aufbruch, zum Bus, einsteigen, Abfahrt, Smartphone an. Wundert sich noch jemand darüber, dass dies alles reibungslos funktioniert? Nein. Der normale Luxus besteht aus Handgriffen und Routinen, die jeder ausführt, die jeder verinnerlicht hat und also keiner mehr eigens bemerkt. Dabei geht es um Schätze: Bei all den unverzichtbaren Röhren, Kabeln, Fasern, Verkehrsnetzen einer modernen Gesellschaft samt allem, was durch diese Lebensadern fließt, handelt es sich um tief ins Unsichtbare versenkte westliche Werte.

Nun liegen diese Leitungen wieder zutage, beginnend mit einer Ein-Leitung, endend mit einer Aus-Leitung: Der Leipziger Historiker Dirk van Laak, ein stilbewusster Erzähler und souveräner Kenner des Stoffs, hat alle Sorten Infrastruktur in seiner Erkundung der Moderne ans Licht geholt – also die Lebensadern der Epoche, in der die westlichen Industriegesellschaften ihren Mix aus Staat, Freihandel, Demokratie, Technik und Naturbeherrschung zu einem Wohlstand für alle verquickt haben. So lange, bis es selbstverständlich war, dass jeder Bürger über fließend warmes Wasser in der Wohnung verfügt. Gar nicht auszudenken: die westliche Zivilisation ohne funktionierende Abwasserkanalisation, ohne Strom, ohne Heizung. Kein Versagen des Staats könnte totaler sein, als wenn er diese Annehmlichkeiten nicht garantieren könnte. In den Infrastrukturen, die untrennbar mit der Geschichte des modernen Staates verknüpft sind, zeigt sich daher, wie verwundbar unsere Gesellschaften sind. Und wie vergangenheitslos: Was eben noch hypermodern war – transkontinentale Kabellinien! Kochen mit Strom! –, ist wie über Nacht jedermanns Normalität. Zwingend notwendig.

Wer von Infrastrukturen erzählt, erzählt nicht von Helden. Durchschnittlicher als all die Mitarbeiter von Tiefbauämtern, Kanalbauunternehmen, Sanitäranlagenbetrieben, Abwasserbehörden kann man kaum sein, aber wenn Dirk van Laak von ihren Fertigkeiten erzählt, dann sieht man, dass sich an ihnen nicht nur das Überleben entscheidet, sondern die Gleichheit. Der Arzt Virchow sagt es 1884 so: "Wir benutzen alle dasselbe Gas, dasselbe Wasser, dieselben Kanäle." Wenn alle Urlaub machen, führen überallhin Verkehrsverbindungen, oder mit einem Ausdruck von Robert Walser: "Wo heute Natur ist, sind auch Eisenbahnen." Zugleich sind die Netze Austragungsorte der Macht, der Hierarchie und des Ausschlusses: Der junge Anwalt Gandhi wird 1893 vom Zugpersonal genötigt, sein Abteil zu verlassen, ein Inder in der ersten Klasse Südafrikas war undenkbar. In der Pariser Metro dürfen von 1940 an Juden nur noch den letzten Waggon benutzen – während die Infrastrukturen der Bahn für die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten unabdingbar werden.

Dirk van Laak erzählt mit einer schier unendlichen Reichweite von Sinn und Nützlichkeit wie von Irrsinn und Unsinn. Ein üppiger Lesestoff, samt Stoffströmen: Der "säkulare Prozess der Vernetzung" bietet ein Versprechen auf die Zukunft und bedeutet zugleich gegenwärtige Versorgungsstandards, die den Bürger in einen behaglichen Endverbraucher und ökologischen Wüstling verwandeln, der schrecklich abhängig ist und neuer Wege bedarf, die politisch gebahnt werden. Jetzt sieht man es klar: Die Moderne hat sich mit uns allen in ihren Netzen verstrickt und verheddert. Noch ist alles im Fluss.
Elisabeth von Thadden

Dirk van Laak: "Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft"; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 366 S., 26,– €

Wie Demokratien sterben

Nachdenken über die gefährdete Demokratie

Erbärmlich", "krank", "bizarr", "betrügerisch", "verräterisch": Das war der Sound, mit dem die Macht erobert werden sollte. Auf Handzetteln hatte Newt Gingrich, aufstrebender Star der Republikaner im US-Kongress, dieses Vokabular den Kandidaten seiner Partei zur systematischen Verwendung empfohlen, damit diese die gegnerischen Demokraten denunzierten. Das war Anfang der 1990er-Jahre – für die Harvard-Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt bedeutete das den "Beginn einer tektonischen Verschiebung". Ihr Buch Wie Demokratien sterben ist brandaktuell, spürbar erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten.

Doch die Autoren wollen nicht bloß Amerika warnen. Sondern sie erzählen aufregende Fallgeschichten, analysieren und vergleichen die historischen Konstellationen weltweit. Deutschland 1932/33 ist dabei, Mussolinis Italien 1922, Chávez’ Venezuela seit 1993, aber auch erfolgreiche, kaum bekannte demokratische Abwehrkämpfe wie in Belgien 1936 oder in Finnland 1930.

Egal wie es ausging, der Leser fiebert immer noch mit. Das liegt am Clou des Buches, nicht etwa gesellschaftliche Strukturen zu sezieren, die ohnehin schwer vergleichbar wären. Stattdessen gerät die Verantwortung der Eliten in der Demokratie in den Blick. Denn in diesem System tauchen ja extremistische, gegen "die da oben" hetzende Populisten immer wieder auf. Gefährlich wird es jedoch, wenn das Recht polemisch unterminiert wird und sich clever dünkende Eliten wie Franz von Papen 1933 oder die Republikaner 2016 glauben, die Massenresonanz des Extremisten nutzen zu können – oder eben selbst auf eine Politik kompromissloser Feindschaft und Polarisierung setzen. Die erhellendste politische Lektüre dieses Sommers!
Alexander Cammann

Steven Levitsky/Daniel Ziblatt: "Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können"; aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt; DVA, München 2018; 320 S., 22,– €

"Der erste Homosexuelle, der alt wird"

Mit Andrew Sean Greer um die Welt

Der Schriftsteller Arthur Weniger hatte in seinem Briefkasten eine Hochzeitseinladung gefunden: Sein Ex-Freund wird einen anderen Mann heiraten. Ein Schock. Und dann steht auch noch bald sein 50. Geburtstag an: "Arthur Weniger ist der erste Homosexuelle, der alt wird. So zumindest kommt es ihm in Momenten wie diesem vor." Weniger beschließt deshalb, wegzulaufen. Seine Route führt ihn von seiner Heimat San Francisco über New York, Mexiko, Piemont, Berlin, Paris, Marokko und Indien nach Kyoto, er findet auf seiner großen Fahrt neue Lover und alte Feinde, feiert Erfolge und beweint Niederlagen, und wir Leser reisen mit diesem liebenswürdigen, verunsicherten Mann um die Welt und sehen sie durch seine Augen. Die Märkte in Mexiko-Stadt, die Sandstürme Marokkos, die Currywurstbuden Berlins, "wo Türken Niespulver auf frittierte Hot Dogs sieben", und die Stadt New York, in der acht Millionen Menschen wohnen, von denen jedes Mal ungefähr drei Millionen stinksauer seien, "weil man sich ihr neues Stück nicht angesehen hat, eine Million stinksauer, weil man sich nicht gemeldet hat, um Sex zu haben, aber nur fünf tatsächlich Zeit haben, einen zu treffen".

Der Roman Mister Weniger, der dieses Jahr mit dem Pulitzer-Preis für Fiction ausgezeichnet wurde, handelt vom Älterwerden als Mann, von der Liebe, von gutem Essen und Sex. "Du hast das Glück eines Komikers", sagt ein alter Bekannter zu Weniger: "Pech in Dingen, die unwichtig sind. Glück in den wichtigen Dingen." Vom selben Glück wie sein Protagonist ist auch der Roman gesegnet – wenn es um den hässlichen Kleinkram des Lebens geht, kann Greer fies zulangen wie ein betrogener Ex-Freund. Wenn es um die großen Fragen geht, dichtet er hingegen liebevoll und hoffnungsfroh wie ein Frischverliebter.
Lars Weisbrod

Andrew Sean Greer: "Mister Weniger." Aus dem Englischen von Tobias Schnettler; S. Fischer, Frankfurt/Main 2018; 336 S., 22,70 €

"Jetzt ist alles aus!"

Mit Gabriele Tergit quer durch ihr Leben

Wie eine schön geordnete Welt ins Rutschen kommen kann, böse Buben die Oberhand gewinnen, Rüpeleien, Drohgebärden alltäglich werden, Bangigkeit einsickert und Hass, giftig geschürt, in Mordlust explodiert und unschuldige Menschen endlich wie die Hasen gejagt werden – daran erinnert das Memoir von Gabriele Tergit, fast möchte man sagen, auf unterhaltsame Art. Die Autorin, geboren 1894 in Berlin, war ein Star der Weimarer Republik. Ihre Gerichtsreportagen und Feuilletons auf den Berliner Seiten des Berliner Tageblatts entzückten die Leser. Der Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm, eine durchgeknallte Satire auf den Medienbetrieb, war ein Bestseller. Jetzt, wo der Schöffling-Verlag nicht nur den Käsebier wieder herausgegeben, sondern auch mithilfe von Nicole Henneberg das vormals verstümmelte Manuskript ihrer Erinnerungen restauriert hat, kann man in den sommerlichen Lesestunden den brillanten Chefredakteur Theodor Wolff an seinem Schreibtisch aufsuchen, sich in Debatten mit Carl von Ossietzky stürzen oder bei einer Demo für Sacco und Vanzetti vorbeischauen.

Alltagsgeplauder ist verwoben mit politischer Analyse, abgemischt mit Erinnerungen an ihre Treffen mit Buchmenschen wie Peter Suhrkamp und den Korrespondenzen aus der späteren Zeit, in der Tergit und ihr Mann Heinz, ein Architekt, in London lebten, wohin sie sich 1938 gerettet hatten und wo sie 1982 starb. Von England aus schrieb sie, übrigens langjährige Sekretärin des PEN, nach dem Krieg noch gelegentlich für den Berliner Tagesspiegel politische Artikel, die alte Freunde, gestrandet in den Ruinen des Nachkriegsdeutschland, als köstliche Erinnerungen nahmen "an die schöne und sorglose Zeit, die wir vor über tausend Jahren erlebt haben", wie ein Karl in jenem melancholisch witzigen Stil notierte, der auch für Tergit wie für viele ihrer jüdischen intellektuellen Freunde typisch war.

"Die Wahrheit sagen, über irgendeine Ecke des Lebens, des Staates" – das war ihr journalistisches Credo. Hier rekapituliert sie mit klarem Blick, wer umfiel, wer Haltung zeigte in dieser Welt, die in einem "Mischmasch aus Hysterie und vermuffter Romantik" versank, wie Thomas Mann es formulierte. Dieser Moment, in dem sie verstand: "Jetzt ist alles aus!" Das Gefühl, durch "winzige Hakenkreuze" zu waten.

Tergit sichert in diesem Buch die Spuren der alten Freunde. Mal führen sie nach Auschwitz, mal nach Palästina oder in den Suizid. Es ist eine Art von Liebesdienst, zugleich ein unversöhntes Resümee ihrer Zeit. In der Summe: "Bisschen viel Enden, die wir miterleben", so lässt sie ihren geliebten Heinz lakonisch sagen.
Susanne Mayer

Gabriele Tergit: "Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen"; Schöffling-Verlag, Frankfurt/M. 2018; 417 S., 26,– €

Ein "deutsch möglisches Buch"

Mit Rudolf Borchardt durch lauter herrliche Landschaften

Dass die deutsche Literatur einen fast kultischen Hang dazu hat, statt einer Handlung die Natur in den Blick zu rücken, ist oft gesagt und auch beklagt worden. Der "Weltinnenraum" (Rilke) war den Dichtern des 18. und 19. Jahrhunderts zumeist doch interessanter als die Gesellschaft mit ihren ewigen Intrigen und Unaufrichtigkeiten, die man aus französischen Romanen kannte. Dieser Sonderweg mag, wie es der Germanist Heinz Schlaffer aufzeigte, an der "Übernahme religiöser Sprachgebärden", ja der "Ersetzung der Religion durch Kunst" liegen. Die Schöpfung wird bestaunt, die Stürmer und Dränger und Romantiker rufen die Natur mit ihren Maikäfern und Blümchen zuverlässig beseelter an als ein menschliches Gegenüber. Die deutsche Literatur entsprang eben dem protestantischen Pfarrhaus und löste sich von christlichen Bezügen nur, indem sie gleichzeitig innig mit ihnen verbunden blieb. Der deutsche Dichter begreift sich als Genie, er verfügt über eine göttliche Inspiration, das zeichnet seine "Tiefe", seine "Seele", seine "Innerlichkeit" aus. Dass derartige Grandiositätsfantasien später so gern als prachtvolle nationale Eigentümlichkeiten (und nicht etwa als weltfremde Marotten) interpretiert wurden, muss man heillos nennen.

Ein Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte der häufig etwas unausgeglichene Reaktionär Rudolf Borchardt eine Anthologie unter dem Titel: Der Deutsche in der Landschaft. Was heute unfreiwillig komisch klingt, war ernst gemeint. Der Band vereinte auf über 500 Seiten kurze Texte von Dichtern und Wissenschaftlern, die sich der Naturbetrachtung in aller Welt hingeben. Der Zoologe Eduard Poeppig erkundet die Anden, Goethe betrachtet im Werther die "Mückchen" und "Würmchen", Alexander von Humboldt besteigt den Chimborazo, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg bezwingt unter aufgehender Sonne und unter dem "Hahnengeschrei des Propheten" die Alpen und gelangt nach Italien. Eine beeindruckende Leistungsschau deutscher Landschaftsbetrachtung war also vorgelegt worden, und sie diente der geistig-moralischen Erbauung nach der militärischen Niederlage.

Borchardt, der als Jude bald schon von den Nazis verfolgt werden sollte, macht in seinem Nachwort klar, dass es sich um ein nur "deutsch mögliches Buch" handelt: "Ein Engländer in der Landschaft, ein Franzose, ein Italiener, ein Holländer, ein Russe in der Landschaft" ist dem Deutschen "von keiner Seite außerhalb unserer Grenzen her zur Seite zu stellen". Es gehe um die "Restitution verlorener deutscher Geistesgröße", ein neues "Geschlecht" solle erblühen. Dass ausgerechnet der landschaftsbegeisterte Kosmopolit Heine nicht in die Sammlung aufgenommen wurde, ist da ganz folgerichtig.

Da die Texte sich einer forciert nationalen Deutung, wie sie Borchardt im Sinn hatte, entziehen und gerade nicht auf die chauvinistische Überhöhung des Landschaftsblicks abzielen, macht den Band, der jetzt neu aufgelegt worden ist, unbedingt lesenswert. Man muss nicht bösartig davon ausgehen, dass er nur deshalb wieder aufgelegt worden ist, weil die Deutschen sich einmal mehr um ihre nationale Identität so herzzerreißend sorgen.
Adam Soboczynski

Rudolf Borchardt: "Der Deutsche in der Landschaft." Matthes & Seitz, Berlin 2018; 552 S., 25,– €

Man kriegt wahrhaft ein Sommergefühl

Noch ein Eis mit Karl Ove Knausgård

Wer sich vor den exzessiven Büchern des Norwegers Karl Ove Knausgård fürchtet, der sollte seine leichten und hellen Porträts der Jahreszeiten lesen. Wie die vorigen ist auch der jetzt erschienene Sommer eine Sammlung von Glossen, Skizzen und Miniaturen, jeweils drei bis vier Seiten lang. Ihr Schauplatz ist zumeist jenes Haus auf dem Land in Südschweden, wo der Dichter mit seiner Frau und seinen vier Kindern seit einigen Jahren lebt.

Adressat ist abermals die jüngste Tochter, mittlerweile zwei Jahre alt, und meist schildert er ihr die Welt in einfachsten Worten, erklärt ihr, wie ein Grill funktioniert oder wie man Makrelen fängt, manchmal aber nutzt er diese Glossen auch, um über bestimmte Fragen nachzudenken, die für das Kind erst zukünftig eine Rolle spielen werden. Intelligenz zum Beispiel ist ebenso wie die Schönheit eine Eigenschaft, die das Ideal der Chancengleichheit untergräbt. Während aber junge Menschen oft dazu neigen, ihre Intelligenz zu verbergen, um nicht gehänselt zu werden oder als Streber zu gelten, ist Schönheit ein unangefochtenes und unanfechtbares Plus. So jedenfalls Knausgård.

Amüsant dann eine Miniatur über Eiscreme, über die Sorten, die es schon immer gab, und jene, die verschwunden sind, über die seligen Kindheitserinnerungen an das erste Softeis und über das Quengeln der Kleinen am Strand, die noch ein Eis haben wollen. Nein, sagt der Vater. Und kauft für sich allein ein zweites Eis: "Erschrocken saßen sie da und schauten mir zu, als ich es aß. Zwei Eis hintereinander, das war in ihrer Welt etwas absolut Unerhörtes. Dass ich nicht schon früher darauf gekommen war, dachte ich, als ich dort saß und das Eis aß und auf das Meer hinausschaute ..."

Lehrreich sind seine Glossen über Fledermäuse, Schmetterlinge und Wespen, wunderschön seine Skizzen über Sommerregen, Birken und Kastanienbäume. Knausgård ist ein leidenschaftlicher Naturliebhaber, ein hingebungsvoller Beobachter. Man kriegt, wenn man dieses Buch liest, wahrhaft ein Sommergefühl.

Anders aber als in seinen Büchern über den Frühling, Herbst und Winter hat er diesmal längere Tagebuchabschnitte eingefügt. Dort findet man zum Beispiel die Idee zu einem neuen Roman, der von der verrückten Liebe einer norwegischen verheirateten Frau zu einem österreichischen Besatzungsoffizier erzählen soll. Hoffentlich schreibt er diesen Roman.

Und man findet die Schilderung eines Besuchs bei dem berühmten Maler Anselm Kiefer. In dessen Atelier darf er sich Aquarelle aussuchen, die sein Sommerbuch schmücken. Es sind wirklich schöne Bilder. Dass Kiefer so leicht und heiter malen kann, hätte man nicht gedacht.
Ulrich Greiner

Karl Ove Knausgård: "Im Sommer." Aus dem Norwegischen von Paul Berf; Luchterhand Verlag, München 2018; 499 S., mit 11 Aquarellen von Anselm Kiefer, 24,– €