Mit Dirk van Laak in die Röhren eintauchen

Schalter berühren, das Licht geht an. Bisschen kühl im Bad, Heizung einen Tick aufdrehen. Alsbald spülen, Wasser rauscht, Becken leert sich. Noch mal den Schalter, Licht aus. Aufbruch, zum Bus, einsteigen, Abfahrt, Smartphone an. Wundert sich noch jemand darüber, dass dies alles reibungslos funktioniert? Nein. Der normale Luxus besteht aus Handgriffen und Routinen, die jeder ausführt, die jeder verinnerlicht hat und also keiner mehr eigens bemerkt. Dabei geht es um Schätze: Bei all den unverzichtbaren Röhren, Kabeln, Fasern, Verkehrsnetzen einer modernen Gesellschaft samt allem, was durch diese Lebensadern fließt, handelt es sich um tief ins Unsichtbare versenkte westliche Werte.

Nun liegen diese Leitungen wieder zutage, beginnend mit einer Ein-Leitung, endend mit einer Aus-Leitung: Der Leipziger Historiker Dirk van Laak, ein stilbewusster Erzähler und souveräner Kenner des Stoffs, hat alle Sorten Infrastruktur in seiner Erkundung der Moderne ans Licht geholt – also die Lebensadern der Epoche, in der die westlichen Industriegesellschaften ihren Mix aus Staat, Freihandel, Demokratie, Technik und Naturbeherrschung zu einem Wohlstand für alle verquickt haben. So lange, bis es selbstverständlich war, dass jeder Bürger über fließend warmes Wasser in der Wohnung verfügt. Gar nicht auszudenken: die westliche Zivilisation ohne funktionierende Abwasserkanalisation, ohne Strom, ohne Heizung. Kein Versagen des Staats könnte totaler sein, als wenn er diese Annehmlichkeiten nicht garantieren könnte. In den Infrastrukturen, die untrennbar mit der Geschichte des modernen Staates verknüpft sind, zeigt sich daher, wie verwundbar unsere Gesellschaften sind. Und wie vergangenheitslos: Was eben noch hypermodern war – transkontinentale Kabellinien! Kochen mit Strom! –, ist wie über Nacht jedermanns Normalität. Zwingend notwendig.

Wer von Infrastrukturen erzählt, erzählt nicht von Helden. Durchschnittlicher als all die Mitarbeiter von Tiefbauämtern, Kanalbauunternehmen, Sanitäranlagenbetrieben, Abwasserbehörden kann man kaum sein, aber wenn Dirk van Laak von ihren Fertigkeiten erzählt, dann sieht man, dass sich an ihnen nicht nur das Überleben entscheidet, sondern die Gleichheit. Der Arzt Virchow sagt es 1884 so: "Wir benutzen alle dasselbe Gas, dasselbe Wasser, dieselben Kanäle." Wenn alle Urlaub machen, führen überallhin Verkehrsverbindungen, oder mit einem Ausdruck von Robert Walser: "Wo heute Natur ist, sind auch Eisenbahnen." Zugleich sind die Netze Austragungsorte der Macht, der Hierarchie und des Ausschlusses: Der junge Anwalt Gandhi wird 1893 vom Zugpersonal genötigt, sein Abteil zu verlassen, ein Inder in der ersten Klasse Südafrikas war undenkbar. In der Pariser Metro dürfen von 1940 an Juden nur noch den letzten Waggon benutzen – während die Infrastrukturen der Bahn für die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten unabdingbar werden.

Dirk van Laak erzählt mit einer schier unendlichen Reichweite von Sinn und Nützlichkeit wie von Irrsinn und Unsinn. Ein üppiger Lesestoff, samt Stoffströmen: Der "säkulare Prozess der Vernetzung" bietet ein Versprechen auf die Zukunft und bedeutet zugleich gegenwärtige Versorgungsstandards, die den Bürger in einen behaglichen Endverbraucher und ökologischen Wüstling verwandeln, der schrecklich abhängig ist und neuer Wege bedarf, die politisch gebahnt werden. Jetzt sieht man es klar: Die Moderne hat sich mit uns allen in ihren Netzen verstrickt und verheddert. Noch ist alles im Fluss.
Elisabeth von Thadden

Dirk van Laak: "Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft"; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 366 S., 26,– €