Nachdenken über die gefährdete Demokratie

Erbärmlich", "krank", "bizarr", "betrügerisch", "verräterisch": Das war der Sound, mit dem die Macht erobert werden sollte. Auf Handzetteln hatte Newt Gingrich, aufstrebender Star der Republikaner im US-Kongress, dieses Vokabular den Kandidaten seiner Partei zur systematischen Verwendung empfohlen, damit diese die gegnerischen Demokraten denunzierten. Das war Anfang der 1990er-Jahre – für die Harvard-Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt bedeutete das den "Beginn einer tektonischen Verschiebung". Ihr Buch Wie Demokratien sterben ist brandaktuell, spürbar erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten.

Doch die Autoren wollen nicht bloß Amerika warnen. Sondern sie erzählen aufregende Fallgeschichten, analysieren und vergleichen die historischen Konstellationen weltweit. Deutschland 1932/33 ist dabei, Mussolinis Italien 1922, Chávez’ Venezuela seit 1993, aber auch erfolgreiche, kaum bekannte demokratische Abwehrkämpfe wie in Belgien 1936 oder in Finnland 1930.

Egal wie es ausging, der Leser fiebert immer noch mit. Das liegt am Clou des Buches, nicht etwa gesellschaftliche Strukturen zu sezieren, die ohnehin schwer vergleichbar wären. Stattdessen gerät die Verantwortung der Eliten in der Demokratie in den Blick. Denn in diesem System tauchen ja extremistische, gegen "die da oben" hetzende Populisten immer wieder auf. Gefährlich wird es jedoch, wenn das Recht polemisch unterminiert wird und sich clever dünkende Eliten wie Franz von Papen 1933 oder die Republikaner 2016 glauben, die Massenresonanz des Extremisten nutzen zu können – oder eben selbst auf eine Politik kompromissloser Feindschaft und Polarisierung setzen. Die erhellendste politische Lektüre dieses Sommers!
Alexander Cammann

Steven Levitsky/Daniel Ziblatt: "Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können"; aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt; DVA, München 2018; 320 S., 22,– €