Noch ein Eis mit Karl Ove Knausgård

Wer sich vor den exzessiven Büchern des Norwegers Karl Ove Knausgård fürchtet, der sollte seine leichten und hellen Porträts der Jahreszeiten lesen. Wie die vorigen ist auch der jetzt erschienene Sommer eine Sammlung von Glossen, Skizzen und Miniaturen, jeweils drei bis vier Seiten lang. Ihr Schauplatz ist zumeist jenes Haus auf dem Land in Südschweden, wo der Dichter mit seiner Frau und seinen vier Kindern seit einigen Jahren lebt.

Adressat ist abermals die jüngste Tochter, mittlerweile zwei Jahre alt, und meist schildert er ihr die Welt in einfachsten Worten, erklärt ihr, wie ein Grill funktioniert oder wie man Makrelen fängt, manchmal aber nutzt er diese Glossen auch, um über bestimmte Fragen nachzudenken, die für das Kind erst zukünftig eine Rolle spielen werden. Intelligenz zum Beispiel ist ebenso wie die Schönheit eine Eigenschaft, die das Ideal der Chancengleichheit untergräbt. Während aber junge Menschen oft dazu neigen, ihre Intelligenz zu verbergen, um nicht gehänselt zu werden oder als Streber zu gelten, ist Schönheit ein unangefochtenes und unanfechtbares Plus. So jedenfalls Knausgård.

Amüsant dann eine Miniatur über Eiscreme, über die Sorten, die es schon immer gab, und jene, die verschwunden sind, über die seligen Kindheitserinnerungen an das erste Softeis und über das Quengeln der Kleinen am Strand, die noch ein Eis haben wollen. Nein, sagt der Vater. Und kauft für sich allein ein zweites Eis: "Erschrocken saßen sie da und schauten mir zu, als ich es aß. Zwei Eis hintereinander, das war in ihrer Welt etwas absolut Unerhörtes. Dass ich nicht schon früher darauf gekommen war, dachte ich, als ich dort saß und das Eis aß und auf das Meer hinausschaute ..."

Lehrreich sind seine Glossen über Fledermäuse, Schmetterlinge und Wespen, wunderschön seine Skizzen über Sommerregen, Birken und Kastanienbäume. Knausgård ist ein leidenschaftlicher Naturliebhaber, ein hingebungsvoller Beobachter. Man kriegt, wenn man dieses Buch liest, wahrhaft ein Sommergefühl.

Anders aber als in seinen Büchern über den Frühling, Herbst und Winter hat er diesmal längere Tagebuchabschnitte eingefügt. Dort findet man zum Beispiel die Idee zu einem neuen Roman, der von der verrückten Liebe einer norwegischen verheirateten Frau zu einem österreichischen Besatzungsoffizier erzählen soll. Hoffentlich schreibt er diesen Roman.

Und man findet die Schilderung eines Besuchs bei dem berühmten Maler Anselm Kiefer. In dessen Atelier darf er sich Aquarelle aussuchen, die sein Sommerbuch schmücken. Es sind wirklich schöne Bilder. Dass Kiefer so leicht und heiter malen kann, hätte man nicht gedacht.
Ulrich Greiner

Karl Ove Knausgård: "Im Sommer." Aus dem Norwegischen von Paul Berf; Luchterhand Verlag, München 2018; 499 S., mit 11 Aquarellen von Anselm Kiefer, 24,– €