Marga Glanz lädt für das Interview in ihre Altbauwohnung im Karolinenviertel, einen kurzen Fußweg von ihrem Plattenladen Groove City entfernt. Als eine von wenigen Frauen in Deutschland verkauft die 59-Jährige Hip-Hop, Jazz und Soul auf Vinyl, und das seit 13 Jahren – während etliche Kollegen infolge von Mieterhöhungen vertrieben wurden oder pleitegegangen sind.

DIE ZEIT: Frau Glanz, Plattenladenbesitzer stehen den ganzen Tag in ihrem Laden und hören Musik. Klingt angenehm.

Marga Glanz: Dieses Vorurteil kenne ich: "Du hast dein Hobby zum Beruf gemacht." Das impliziert, es sei nicht wirklich ernst zu nehmen. Totaler Quatsch! So einen Laden zu führen ist aufwendig. Und finanziell ist es nicht einfach. Ich habe zwei Kollegen, die nur als Aushilfen bei mir angestellt sind und die ihr Geld woanders verdienen müssen.

ZEIT: Ist Ihr Budget so eng?

Glanz: Wir könnten es uns leichter machen und kommerzielle Platten günstig einkaufen, günstig in den Laden und noch günstiger ins Netz stellen, aber so ein Plattenladen sind wir nicht. Finanziell sind wir immer an der Kante.

"Finanziell ist es nicht einfach. Ich habe zwei Kollegen, die nur als Aushilfen bei mir angestellt sind und die ihr Geld woanders verdienen müssen."
Marga Glanz, Plattenhändlerin

ZEIT: Warum tun Sie sich das an?

Glanz: Alles, was in meinem Laden steht, finde ich super. Ich komme seit 13 Jahren fast jeden Tag rein und freue mich. Der Rockmusiker Bobby Gillespie von Primal Scream schlich mal durch Groove City, sah sich um und sagte: "There is a philosophy behind this store." Das erkennen Leute. Manche fühlen sich fremd, weil sie keine Tina Turner, keine Rolling Stones bei uns sehen. Aber das macht nichts, sie müssen für solche Platten nur fünf Minuten weitergehen.

ZEIT: Zur Konkurrenz?

Glanz: Ja. Wir konzentrieren uns auf das, was Groove City ausmacht: Hip-Hop, Jazz, Soul, afrikanische, türkische Musik. Aber dann eben auch die Platte eines Künstlers aus den Sechzigern, den Siebzigern und das Neueste, was er produziert hat. Wir gehen mehr in die Tiefe als in die Breite.

ZEIT: Eigentlich sind Sie gelernte Arzthelferin. Wie wurden Sie Plattenladeninhaberin?

Glanz: Ich bin in einer Familie groß geworden mit vielen Kindern, wenig Platz und wenig Geld. Wir wohnten zu acht auf 50 Quadratmetern in einem Dorf in Niedersachsen. Mein Vater hat auf Montage gearbeitet, meine Mutter war die meiste Zeit allein mit uns Kindern. Sie war unglücklich mit ihrem Leben, hat sechs Kinder gekriegt, und ich glaube, sie wollte kein einziges davon. In meiner Familie wurde nicht geredet, sondern eher zugeschlagen. Der größte Traum meiner Mutter war, dass ich Arzthelferin werde und der Doktor mich heiratet. Ich bin mit 17 von zu Hause ausgezogen, ohne Plan. Ab nach Hamburg.

ZEIT: Was zog Sie nach Hamburg?

Glanz: Ich fand Hamburg viel aufregender. Die Achtziger haben hier einfach total Spaß gemacht. Wir waren viel auf Konzerten, in der Markthalle, in der Fabrik. Wir waren solidarisch mit den Hausbesetzern in der Hafenstraße, haben dem illegalen Radiosender Hafenstraße auf unserem Dachboden Unterschlupf geboten. Und über meinen Mitbewohner lernte ich die Leute von Zardoz Records kennen, wo ich dann anfing zu arbeiten.