Es gibt eine Geschichte, die in meiner Familie als das Wunder von Mljet bekannt ist. Sie handelt davon, wie ich vor 45 Jahren meinen Schnuller loswurde, ich war damals zwei Jahre alt. Mein Vater erzählt die Geschichte gern und oft. So wie er es schildert, erschien mir ein Leben ohne Schnuller damals nicht sonderlich lebenswert. Nur der Schnuller machte mich zu einem halbwegs ausgeglichenen Wesen, steckte er mir mal nicht zwischen den Lippen, schrie ich, bis nicht nur ich, sondern auch meine Eltern rot anliefen vor Zorn und Verzweiflung. Aber dann kam der Sommer 1973, wir machten eine Woche Urlaub auf der Insel Mljet. Damals lebten meine Eltern und ich noch in Jugoslawien. Mein Vater erzählt, wie ich eines Nachmittags im Hotel die Faszination der Klospülung entdeckt hätte. Und dass er die Gelegenheit genutzt und mir erklärt habe, was für ein Riesenvergnügen es für jeden Schnuller sei, hinuntergespült zu werden. Und dann geschah das Wunder. Ich warf meinen Schnuller ins Klo, spülte und lebte fortan glücklich ohne ihn weiter.

Es ist diese Geschichte, die ich im Kopf habe, als ich nach 45 Jahren endlich zurückkehre an den wundersamen Ort, der mir ein Leben ohne Schnuller ermöglicht hat und von dem meine Eltern (auch deshalb?) bis heute so schwärmen.

Es ist sieben Uhr morgens, und außer mir sind nur eine Handvoll Menschen auf der Fähre. Die vierzigminütige Überfahrt von Prapratno nach Mljet verläuft fast meditativ friedlich bei ruhiger See. Ich muss an die andere Geschichte denken, die mein Vater von unserem damaligen Urlaub erzählt. Wir mussten drei Tage länger als geplant im Hotel Melita ausharren, weil der gefürchtete Nordwind Bora das Meer aufwarf und kein Schiff aus dem Hafen kam, bis sich am dritten Tag ein wagemutiger Kapitän traute. Während der Fahrt ging es so sehr auf und ab, dass selbst mein Vater, der sich gern als "Mann wie Baum" bezeichnet, über der Reling hing. Wenn die Bora oder der Südwind Jugo wüten, dann geraten sogar Helden in Seenot. Odysseus schwamm neun Tage, dann trieben ihn die Götter auf die Insel Ogygia, wo die Nymphe Kalypso ihn für sieben Jahre in eine Höhle sperrte. Ogygia war nach Homer eine Insel der magischen grünen Wälder. Für Kroaten ist die Sache klar: Ogygia ist nur ein anderer Name für Mljet.

Mljet liegt 30 Kilometer von Dubrovnik entfernt und gilt als die grünste aller kroatischen Inseln. 90 Prozent der Fläche sind bewaldet. Der Westteil der Insel ist seit 1960 ein Nationalpark mit Kiefern- und Steineichenwäldern, mit Orchideen, Myrten und verschiedensten Tieren, vom Wildschwein bis zum Indischen Mungo. Vier Mungo-Paare wurden vor mehr als hundert Jahren vom österreichischen Baron Schilling auf die Insel gebracht, um sich über die Schlangen herzumachen, die es bis dahin in großer Anzahl gab. So gewissenhaft haben sie ihre Aufgabe erfüllt, dass es heute auf Mljet so gut wie keine Schlangen mehr gibt.

Am schönsten sind aber die beiden Seen, der Große und der Kleine, die miteinander verbunden sind und einen natürlichen Zugang zum Meer haben. Durch den fließt das Salzwasser im steten Wechsel herein und wieder hinaus. Zum Großen See gehört eine kleine Insel, auf der Benediktiner im 12. Jahrhundert ein Kloster erbauten. Vor 45 Jahren wohnten wir in dem Kloster, das damals ein Hotel war und sich Melita nannte, so wie Mljet ursprünglich mal hieß. In einem Super-8-Film meiner Eltern erscheint dieses Hotel in hellen Farben, das Wasser rundherum glitzert in der Sonne, die Natur wirkt fast unwirklich schön.

Es ist kurz nach halb acht am Morgen, als die Fähre im Hafen von Sobra anlegt. Die ersten Zikaden zirpen. Dazu der Duft des angehenden Sommers, nach Harz und Nadeln. Das Wasser ist so klar, dass ich in einer Tiefe von zehn Metern einzelne Fische sehen kann.

Meine Eltern und ich waren nicht die Ersten, die Mljet für sich entdeckten, vor uns waren Illyrier, Griechen, Römer, später noch Franzosen, Österreicher und Italiener da. Geblieben sind etwa tausend Kroaten, die bis heute die 37 Kilometer lange und nur drei Kilometer breite Insel bewohnen. Im größten Ort Babino Polje in der Mitte der Insel leben zweihundert Menschen. Es gibt nur eine Straße, die Mljet in West-Ost-Richtung durchquert.

Ich fahre in den Westen, Richtung Nationalpark. In Höhe von Babino Polje sehe ich am Straßenrand ein Schild mit der Aufschrift "Odysseus Cave". Ich steige aus, gehe zwanzig Minuten zu Fuß, dann stehe ich an der Felsküste mit Blick aufs offene Meer, unter mir imposante Felsterrassen und eine Grotte. Und auch wenn es nichts gibt, was darauf schließen ließe, dass hier einst Kalypso mit Odysseus geturtelt hat, gibt es auf Mljet wohl niemanden, der daran zweifeln würde. Genauso wenig wie an der Tatsache (natürlich!), dass der Apostel Paulus im Jahr 61 nach einem Schiffbruch auf die Insel gespült und, so steht es in der Bibel, auf Melita von einer Schlange gebissen wurde. Es soll Menschen (vor allem Malteser) geben, die behaupten, bei Melita handele es sich um das heutige Malta, dabei ist die Sache, das wird mir später Tajana Perković erklären, eigentlich ziemlich klar. "Auf Malta gibt es keine Schlangen", wird sie sagen, "Paulus war hier auf Mljet."

Tajana Perković, eine bedächtige ältere Frau, treffe ich im Nationalpark, in dem sie seit 22 Jahren arbeitet und wo sie sich auskennt wie kaum eine andere. Wenn sie sagt, dass Paulus auf Mljet war, wird es stimmen. Schließlich sind die Mungos der Beweis dafür, dass es hier genügend Schlangen gab. Wobei mir klar wird, dass ich einen Mungo nicht erkennen würde, selbst wenn er winkend vor mir stünde, ich habe keine Ahnung, wie die aussehen.

Ich erzähle Tajana Perković, dass ich als Kind einmal im Melita gewohnt habe. Sie erinnert sich an das Hotel. 1995 sei es geschlossen worden, um das Biotop des Nationalparks zu schützen. Heute gibt es auf der kleinen Insel nur noch ein Restaurant namens Melita. Um dorthin zu gelangen, nehmen wir das Boot, das stündlich zur Klosterinsel fährt. Wir tuckern über den Großen See, auf dem es sonst keinen Verkehr gibt, nur den wenigen Anwohnern ist es erlaubt, ein Boot zu besitzen.